Comeback oder Neubeginn?

Der Bassist von e.s.t. hat nach dem Tod von Esbjörn Svensson ein kreatives Kollektiv ins Leben gerufen, das es in sich hat. Nun spielt Dan Berglunds Tonbruket zum ersten Mal live und geht auf Tournee.

Bei der Handvoll Begegnungen, Telefonaten mit Esbjörn Svensson, Dan Berglund und Magnus Öström, die im vergangenen Jahrzehnt anstanden, war immer wieder vom Bandprinzip im Sinne von Pop die Rede. e.s.t. präsentierten sich als Band, arbeiteten am Sound-Design, verbesserten die Dramaturgie der Konzertauftritte, kümmerten sich ums Licht und um den Sound. Zumeist waren es Svensson und Öström, die bei diesen Fragen das Wort ergriffen. Berglund, der Bassist der Band, der es live gerne mal krachen ließ, saß dann ruhig daneben und griff nur selten, dann aber präzise ins Gespräch ein.
Dazu passte sein stoisches Gebaren auf der Bühne, wenn er dem zumeist völlig begeisterten Publikum die Instrumente zeigte. Suchte man im Netz nach mehr Informationen über diesen Musiker, dann meist vergebens. Dan Berglund schien ausschließlich mit e.s.t. verbunden; es gab keine Vorgeschichte. Dann kam der 14. Juni 2008 – und schnell war klar, dass der Unfalltod Svenssons auch für die Karrieren von Öström und Berglund tiefgreifende Folgen haben würde.
Jetzt hat Dan Berglund eine neue Band am Start mit einem erstaunlich anders klingenden Debütalbum. Man könnte die Musik von Tonbruket als zeitlos charakterisieren, vielleicht sogar als aus der Zeit gefallen: ein ungewöhnlich offener Mix aus Art-Rock mit Folk, Country und Heavy-Metal-Dreingaben. Man denkt beim Hören an King Crimson, Pink Floyd, Van der Graaf Generator, aber so einfach machen es sich Tonbruket nicht. Dan Berglund fühlt sich sichtlich wohl als Teil eines kreativen Kollektivs, er bezeichnet das neue Projekt auch nicht als seine Band. „Tonbrucket“ ist der sprechende Name – und früher hätte man dazu wohl Supergroup gesagt. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Konstellation von Musikern? MEIER hat in Stockholm nachgefragt.

Dan Berglund: „Ehrlich gesagt war es wirklich schwierig für mich nach dem Tod von Esbjörn überhaupt wieder Spaß am Spielen zu empfinden. Und es hat auch sehr lange gedauert. Letztlich war es meine Frau, die meine Stimmung aufhellen wollte, als sie mich fragte: „Mit wem würdest Du denn wirklich gerne Musik machen?“ Und darauf fiel mir wirklich nur ein Name ein: Johan Lindström. Und nun spiele ich mit ihm. Ich wollte unbedingt vermeiden, irgendwie an e.s.t. zu erinnern, also mussten wir zwangsläufig andere Dinge entwickeln. Aber von allen Optionen, was ich in Zukunft machen wollte, war ja eh sofort klar, dass es kein Pianotrio sein würde.

MEIER: „Aus dem kreativen Duo mit Lindström wurde mittlerweile ein Quartett. Kannst Du die anderen Musiker kurz vorstellen?

Berglund: Johan Lindström ist eine ganz zentrale Figur der schwedischen Musikszene. Er arbeitete in seinen Hammarby Studios mit Elvs Costello, Anna Thernheim, Kristofer Ähström, Nikolaj Dunger und Sofie Zelmani. Er ist Produzent und Multiinstrumentalist. Auch Martin Hederos ist ein Multiinstrumentalist, der als Mitglied der Rockband The Soundtrack of Our Lives in Deutschland bekannt sein dürfte. Als letzter kam der Schlagzeuger Andreas Werliin zu Tonbrucket, der gerade mit seinem Duo-Projekt Wildbirds And Peacedrums einigen Erfolg hat.

MEIER: Früher hätte man zu Tonbruket wohl Supergroup gesagt. Wie wichtig ist bei so so vielen Haupt- und Nebenprojekten ein professionelles Zeitmanagement?

Berglund: Extrem wichtig! Die Produktion des Albums dauerte in erster Linie so lange, weil es sich als schwierig erwies, überhaupt Zeit für die gemeinsame Arbeit zu finden. Johan besitzt ein eigenes Studio und ist ein viel beschäftigter Produzent. Auch Martin Hederos und Andreas Werliin sind in andere Projekte eingebunden, weshalb das Freischaufeln der Terminkalender der schwierigste Part des Ganzen war.

MEIER: Schon mit e.s.t. hast du auf der Bühne gezeigt, dass du den Namen Jimi Hendrix schon mal gehört hast und die Schönheit von Noise zelebriert. Und man vermutete, dass da ein Herz aus Rock schlagen müsste. Auch auf dem neuen Album gibt es Sounds, die in diese Richtung weisen. Ist Dan Berglund ein Rocker, lange gefangen im Körper eines Jazz-Bassisten?

Berglund: Hahaha, ein lustiges Bild! Und auf der Bühne befreie ich mich dann von mir selbst, oder? Nein, nein. Als ich aufwuchs, habe ich in Rockbands gespielt, aber nicht professionell. Hard Rock oder Heavy Metal. Aber als ich 23 Jahre alt war, habe ich begonnen, professionell Jazz zu spielen. Kurz darauf traf ich schon Esbjörn und Magnus. Ich habe zwar Heavy Metal und Hard Rock immer gerne gehört, höre es auch heute noch häufig, aber professionell habe ich diese Musik nie gespielt.

MEIER: Kann man denn jetzt von Tonbruket als einer neuen Band sprechen?

Berglund: Ja, es ist definitiv eine neue Band. Uns fiel kein guter Name ein, also sagten wir uns: Nennen wir uns doch Tonbruket!

MEIER: Eure Musik sitzt etwas zwischen den Stühlen. Ist es alt? Ist es neu? Ist es Jazz? Ist es Rock? Ist es Crossover?

Berglund: Ich würde es nicht unbedingt unter Jazz rubrizieren, obgleich es schon jazzige Passagen gibt. Aber eigentlich finde ich es unter Alternative Rock besser aufgehoben. Mit einem Schuss Pop und etwas Country darin. Mal sehen, was auf der Tour aus dem Material wird. Wir haben ja bislang noch nie live gespielt. Ich denke, durch die Improvisationselemente wird sich der Charakter unserer Musik nochmal verändern.

Ulrich Kriest / Foto: Jörg Grosse Geldermann/ACT (Meier 4/2010)

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