Pariser Aussteiger-Geschichte

Mit einem Referat fängt alles an. Lou Bertignac, 13 Jahre, hochbegabt mit einem IQ von 160, hat zwei Klassen übersprungen und ist 30 Zentimeter kleiner als ihre Mitschüler. Lou soll ein Referat über ein selbstgewähltes Thema halten. Allerdings hat sie Angst, vor und überhaupt mit Leuten zu sprechen. Unter dem strengen Blick ihres Lehrers stottert sie, sie wolle über Obdachlose in Paris schreiben. Über Frauen, die auf der Straße leben, und eine junge Stadtstreicherin interviewen. Ein sehr gutes, sehr aktuelles Thema. Nur kennt die behütete Lou weder Obdachlose noch junge Frauen, die auf der Straße leben. Da lernt sie No kennen. No ist 18 hat eine zerrüttete Kindheit hinter sich und lebt auf der Straße von Paris.

Zwischen den beiden ungleichen und doch ähnlichen Mädchen beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft. Lous Beschützerinstinkt ist geweckt: Sie will No von der Straße holen. Dazu mobilisiert sie ihre Eltern und Schulkamerad Lucas. Zunächst geht alles gut, doch dann wird No wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.

"No & ich", Delphine de Vigans dritter Roman, fesselt von der ersten Seite an, obwohl es ohne größere Ereignisse auskommt. Einfühlsam und humorvoll zugleich tastet sich die Erzählung, die aus Lous Sicht geschrieben ist, voran in die Geschichten ihrer Protagonisten. In einer beeindruckenden Sprache schildert de Vigan die Gedankenwelt der "intellektuell frühreifen" Lou, die emotional noch kindlich ist und sich wünscht, von ihrer Mutter in den Arm genommen zu werden. Ihre Beobachtungen zwischenmenschlicher Verhaltensweisen wirken aus der Distanz der 13-Jährigen umso wahrer.

* Delphine de Vigan: No & ich. Droemer Knaur. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. 256 Seiten. € 16.95

[Simone Kraft]

 

 

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