Der Meisterpianist im Interview
Der 1980 geborene Koblenzer ist einer der interessantesten Pianisten seiner Generation. In Heidelberg spielt er im Oktober Beethovens 5. Klavierkonzert. MEIER hat sich mit Martin Stadtfeld über Rennpferde, Popstars der Klassik und seine Schwächen unterhalten.
MEIER: Wie sieht es in Ihnen in den letzten fünf Minuten, bevor Sie aufs Podium gehen, aus?
Martin Stadtfeld: Oh, sehr gut. Natürlich ist da eine gewisse Spannung drin, man fühlt sich ein bisschen wie ein Rennpferd kurz vorm Start und brennt darauf, auf die Bühne rauszugehen und sich der Situation zu stellen. Man spürt dann auch gleich, in welcher Stimmung das Publikum ist: freudig gespannt, oder ob man es sich erst erobern muss. Sobald ich dann sitze, fühle ich aber eigentlich nur noch in mich. Ich spüre zwar den Raum und die Menschen, aber das ist dann eine zusätzliche Ebene. Ich gerate eher in einen sehr introvertierten Zustand, schließe die Augen, lass' mich in die Musik fallen und trete eine Reise an, auf die ich das Publikum mitnehme.
Wenn ich zum Beispiel Bach, Beethoven oder Schubert spiele, ist da ja oft Musik, die das Innere spiegelt: das Innere des Komponisten aber auch mein Inneres. Man lernt auch sehr viel über die eigene Seele, wenn man sich dieser Musik hingibt. Das ist bei jedem Konzert wieder eine ganz neue Erfahrung.
MEIER: Gibt es auch sozusagen strategische Überlegungen, so von wegen: wie muss ich spielen, damit ich das Publikum kriege?
Stadtfeld: Nein, diese Überlegung - was wird von mir erwartet - kenne ich gar nicht. Man muss in sich hineinhorchen und das tun, wovon man überzeugt ist. Etwas anderes ist natürlich, dass jeder Saal und jedes Instrument unterschiedlich sind. Aus all diesen Faktoren muss man eine Balance herstellen. Da geht es immer um die Suche nach dem perfekten Ausdruck innerhalb all dieser Faktoren. Und das hat auch viel mit Erfahrung zu tun. Deswegen ist es auch am Anfang einer Karriere unheimlich wichtig, viel öffentlich zu spielen. Nur so kann man gelassen mit der Situation umgehen und flexibel reagieren. Rar machen kann man sich später.
MEIER: Apropos Erfahrung, Sie haben dieses Jahr Ihr 20. Konzertjubiläum. Ist das nicht ein bisschen gespenstisch?
Stadtfeld: Oh stimmt das? Ja tatsächlich, mein erstes öffentliches Konzert war im Herbst 1989. Aber das ist gar nicht gespenstisch, denn ich hab mich ja schon mit neun als Pianisten empfunden, und mich auch so definiert. Es war völlig klar, dass das mein Beruf ist. Ist, und nicht erst werden wird.
MEIER: Vor fünf Jahren haben Sie uns erzählt, dass Sie anstreben, in zehn Jahren spielen zu können, was sie möchten, und die Freiheit haben möchten, aufzunehmen, was Ihnen wichtig ist. Davon ist doch schon ein Stück erreicht …
Stadtfeld: Ja, ein sehr großes Stück sogar. Ich kann meine Perspektiven für die Zukunft selbst stecken, kann selbst entscheiden, wo die Reise hingehen soll. Vom „Bach-Experten“ - in Anführungsstrichen - jetzt ins romantische Repertoire und demnächst zu Brahms. Auch die Plattenfirma geht das wunderbar mit, indem man meine Vorschläge aufgreift und ich sie sehr frei umsetzen kann. Also, wenn ich es genau bedenke, ist davon innerhalb von fünf Jahren wirklich schon ein sehr großer Teil wahr geworden.
MEIER: Wie erklären Sie sich denn, den Hype von Netrebko, Garrett und Co. Ist die Optik und eine möglichst ungewöhnliche Biographie so wichtig, um im Klassik-Zirkus die Säle zu füllen?
Stadtfeld: Ich finde, das kann man so gar nicht sagen. Es gibt auch andere Künstler, die große Säle füllen, nicht nur, wie oftmals dargestellt wird, die sogenannten Popstarts der Klassik. Man kann auch als seriöser Künstler sehr viele Leute erreichen. Andererseits ist es mir persönlich auch ziemlich egal, ob ich jetzt den Rosengarten fülle, wie im letzten Frühjahr, oder in einer kleinen Kirche spiele. Entscheidend ist die Intensität, die sich dem Publikum vermittelt und dass dem Publikum ein tiefes Erleben in Erinnerung bleibt - nicht ein Spektakel und Dabei-sein-ist-alles. Aber es stimmt, es wird häufig vermittelt, als würde Klassik nur noch funktionieren können, wenn sie entsprechend „spektakulös“ aufzieht. Das ist bestimmt nicht richtig.
MEIER: Könnten Sie sich denn vorstellen, mit jemandem wie David Garrett einen Duoabend zu spielen?
Stadtfeld: Das kann ich so überhaupt nicht beurteilen. Ich kenne ihn zwar flüchtig, und er ist auch sehr symphatisch, aber wir müssten uns natürlich erst künstlerisch kennenlernen. Und dann sollte ich das Gefühl haben, dass mich das bereichert, und dass zwei Künstler etwas hervorbringen, was mehr ist als die Summe der Einzelnen.
MEIER: Die deutsche Kritik pflegt „Rising stars“, nachdem sie sie hochgejubelt hat, gern schlecht zu behandeln. Haben Sie davon auch etwas spüren müssen?
Stadtfeld: Generell kann ich das nicht sagen. Aber es ist ja in allen Bereichen so, dass etwas Neues einen gewissen Reiz hat, man sich daran begeistert, und dieses Neue dann nach einiger Zeit auch mit einem kritischeren Auge sieht. Dann kann das tatsächlich zurückschlagen, und man wird von den gleichen, die einem „hochgeschrieben“ haben, auf einmal überkritisch behandelt und vielleicht sogar angegriffen. Das ist aber sicher nicht nur in der Musik so.
MEIER: Und wie gehen sie generell mit Kritiken um?
Stadtfeld: Auf jeden Fall nicht so, dass ich mich an den guten ergötzen, und die schlechten ignorieren würde. Es gibt ja viele Kritiker, besonders der größeren Zeitungen, die eine Kritik vor allem zur eigenen Profilierung benutzen. Aber es gibt auch viele, die sich sehr intensiv mit einem Konzert auseinandersetzen. Und wenn ich spüre, dass sich jemand viele Gedanken gemacht hat, kann ich auch bei einem Kritikpunkt mal überlegen: Warum hat ihm das jetzt nicht gefallen oder kam nicht so rüber, wie ich es intendiert hatte.
MEIER: Welche Korrektive gibt es denn sonst noch? Ihren Lehrer?
Stadtfeld: Ja natürlich, auch wenn ich bei Lev Natochenny nicht mehr dauernd Unterricht habe. Hin und wieder kommt er in meine Konzerte. Er kennt mich seit fast fünfzehn Jahren, und er kennt auch meine Schwächen.
MEIER: Oh, welche Schwächen?
Stadtfeld: Gerade, wenn man Stärken hat, verbinden die sich oft auch mit gewissen Schwächen in anderen Bereichen. Wenn man mit ganzer Leidenschaft oder ganzer Versenkung spielt, heißt das ja auch, dass man nicht immer fünf Meter neben sich steht und versucht, objektiv das Ergebnis nachzuvollziehen. Man muss ja immer beides sein: derjenige, der sich von der Musik mitnehmen lässt, und derjenige, der sich dabei ein bisschen kontrolliert. Dieses Wechselspiel ist eigentlich die große Herausforderung. Und wenn man der Typ ist, der sich sehr tief versenken kann - und dazu zähle ich mich auch - dann ist es schon ganz gut, wenn man hin und wieder daran erinnert wird, auf bestimmte Dinge zu achten. CD-Aufnahmen sind da übrigens auch ein tolles Korrektiv.
MEIER: Im Oktober spielen Sie in Heidelberg Beethovens Fünftes. Bei Kavierkonzerten mit Orchester gibt es ja oft nur ein, zwei Proben. Wie stehen Sie dazu und wie sind die Bedingungnen für das Konzert mit den Heidelbergern?
Stadtfeld: Ich habe natürlich auch im Zusammenspiel mit anderen gewissen Erfahrung gewonnen und bin da ein bisschen pragmatischer geworden - was ich jetzt aber gar nicht negativ meine. In Heidelberg haben wir zwei ausgiebige Proben und ein Vorgespräch mit dem Dirigenten, da kann sicher etwas Interessantes entstehen. Man sollte auch in so ein Projekt nicht mit der Vorgabe gehen: das muss jetzt so oder so werden, sondern sich darauf einlassen. Auch auf das, was man selbst dabei lernen kann, indem man auch mal andere Ideen erwägt. Und ein Orchester hat ja auch seinen bestimmten Klang und eine spezifische Spielart. Die kann ich nicht umstellen. Will ich auch gar nicht. Ich möchte mich darauf einstellen, weil ich dann auch wieder neue Facetten des Werkes kennenlerne. Ein Stück wie das Fünfte Beethovenkonzert hat so viele Facetten, dass man immer nur einen Teil abbilden kann. Wenn ich dann mit einem Orchester zusammenarbeite, das es auf seine Art spielt, und einem Dirigenten, der sich seine Gedanken gemacht hat, und wenn wir adhoc eine Gemeinsamkeit finden, dann kann ich wieder sehr viel lernen - auch über andere Facetten des Werks.
MEIER: Welche CD-Projekte schweben denn momentan in Ihrem Kopf herum?
Stadtfeld: Im Oktober erscheint eine CD „Der junge Beethoven“ mit dem zweiten Klavierkonzert - Sebastian Weigle dirigiert da die Staatskapelle Dresden - kombiniert mit frühen Einzelwerken, auch ein paar Raritäten und Liedern mit dem Tenor Markus Ullmann. Dann kommt noch eine CD mit Bachs Gambensonaten und dem Cellisten Jan Vogler. Wir machen ja jedes Jahr mindestens eine CD, und da überlege ich mir sehr früh konkret, wo ich hingehen möchte. Angenommen ich wollte in zwei Jahren ein Brahms-Klavierkonzert aufnehmen, dann beginne ich natürlich jetzt schon mit dem Studium. Bis es zur Aufnahme kommt oder wir mit einem Stück auf Tour gehen, muss ich ja möglichst tief in das Werk eingedrungen sein. Mit Sony haben wir einen Plan für die nächsten Jahre, der sich natürlich auch immer noch ändern kann.
MEIER: Hat Ihre Plattenfirma schonmal Einfluss auf ihr Image genommen? So von wegen, als Single verkaufst du dich besser?
Stadtfeld: Um Gottes Willen. Das wäre ja krank. Die Leute kaufen doch keine CDs, weil sie dann denken könnten, dass ich ihnen Hoffnungen mache. Wenn man sich auf so eine Denke einlässt, dann fehlt es einem aber auch an Rückgrat. Ich befinde mich in einer festen Partnerschaft und bin verlobt, und das kann auch jeder wissen.
MEIER: Das steht ja gar nicht auf der Website …
Stadtfeld: Ja, das hat da auch nichts zu suchen. Ich würde auch niemanden für eine Homestory bei mir zuhause empfangen. Das ist mein Privates, da muss niemand Eintritt haben.
MEIER: Überhaupt Privatleben. Da geht’s munter von Seoul nach Zürich und weiter nach Belgien. Wie geht denn da Beziehung?
Stadtfeld: Das ist wie bei jedem, der viel reist. Ich bin ja auch nicht dauernd auf Tour, sondern versuche eine Obergrenze an Konzerte - so ungefähr 80 im Jahr - zu halten. Aber wenn ich da bin, bin ich auch richtig da. Andere Menschen leben zusammen und haben auch nicht jeden Tag soviel voneinander, weil sie vielleicht zu verschiedenen Zeiten arbeiten müssen. Und dass man sich in einer Beziehung möglichst viel Zeit füreinander nehmen muss, ist ja doch etwas ganz Grundsätzliches.
Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 10/2009)
Foto: Adrian Schmidt




