Der Dauer-Stöhner im MEIER-Interview

Frederic Hormuth stöhnt – und alle machen mit. Und zwar in seinem aktuellen Bühnen-Programm „Gestöhnt wird überall“. Der Kabarettist, 1968 geboren in Mannheim, wohnhaft in Heppenheim, klärt über richtiges und falsches Stöhnen auf und erzählt, warum das Leben wie Telefonsex funktioniert. MEIER sprach mit Hormuth, als gerade Ulla Schmidts Dienstwagen die Schlagzeilen beherrschte.

MEIER: Das Programm heißt „Gestöhnt wird überall“. Wer stöhnt heute am lautesten? Ulla Schmidt?

Frederic Hormuth: Nein, aber vielleicht ist genau das das Problem. Sie merkt nicht, dass es vielleicht besser wäre, ein bisschen zu stöhnen, statt so unfehlbar über die Vorwürfe hinweg zu näseln. Stöhnen ist eine wunderbare Form der Kommunikation. Stöhnen ist wichtig.

MEIER: Bei Ihnen heißt es: „Das Leben funktioniert nun mal wie Telefonsex. Wer keine Geräusche macht, wird abgehängt.“ Stöhnen Sie oft?

Hormuth: Klar. Stöhnen ist eine kabarettistische Grundhaltung. Stöhnen ist oft dramatisch, übertrieben, egal ob es darum geht, den anderen im Bett scharf zu machen oder zu zeigen, dass man leidet. Hörbar machen, was einen beschäftigt – darum geht es. Das gilt auch im Kabarett. In meinem Programm geht es aber auch um falsches Stöhnen.

MEIER: Wer stöhnt falsch?

Hormuth: Vor allem Lobbyisten. Vor dem Bundestag haben mal 200 junge Ärzte demonstriert. Später stellte sich heraus: Das waren bezahlte Studenten, Mietdemonstranten einer Event-Agentur. In der Öffentlichkeit dramatisch jammern und stöhnen, besser gesagt: stöhnen lassen – so machen Lobbyisten ihre Kampagnen.

MEIER: Über Politik und Lobbyismus schreiben Sie auch im Internet, in Ihrem „Honigbrot-Blog“. Heute schon gebloggt?

Hormuth: Nein, das mache ich meist am späten Nachmittag, ich entscheide immer spontan, worüber ich schreibe.

MEIER: Sie bloggen täglich, seit dem 1. Januar 2007. Wie oft sind Blogs Vorlagen für die Bühne?

Hormuth: Weil ich mich zwinge, jeden Tag zu bloggen, ist oft eine Formulierung dabei, die ich später auch auf der Bühne verwende. Der Blog ist mein Steinbruch, aus dem ich mir häufig etwas herausbreche.

MEIER: Sie haben immer Material.

Hormuth: Genau. Allein deshalb lohnt sich das tägliche Schreiben. Wenn ich in ein Thema einsteige, kann ich schauen, was ich schon habe. Manchmal schreibe ich einen Satz zu Testzwecken rein, und gucke dann, ob jemand drauf anspringt. Und ich nutze den Blog seit zwei Jahren exzessiv für meinen Jahresrückblick. Es ist toll, am Ende des Jahres die Einträge sichten zu können. Ich finde viel Kurioses; Geschichten, die ich ohne den Blog wahrscheinlich vergessen hätte. Der Blog ist also auch eine Art Tagebuch.

MEIER: Sie sagen: Kabarett ist unterhaltsamer geworden. Ist das gut oder schlecht?

Hormuth: Ja, auch im Kabarett gibt es mittlerweile einen größeren Pointenzwang. Vor zehn Jahren hörte man noch leisere und lyrische Töne. Aber ich finde es super, über ernste, harte und politische Themen zu reden und dabei aber auch zu lachen. Das machen wir doch auch privat ganz gerne: Zusammen mit Freunden abends ewig zusammensitzen, Rotwein trinken und über ernste Themen reden, und zwischendurch macht man blöde Witze, sagt was Polemisches und lacht. Und das ist genau die Art von Kommunikation, die es oft in der Kleinkunst gibt. Man kann schon Spaß haben mit ein bisschen Relevanz. Macht doch nix, wenn es lustig ist.

MEIER: Das Publikum sieht das auch so?
Hormuth: Ich merke jedenfalls, dass seit ein, zwei Jahren wieder das Interesse an Kabarett wächst. Auch am politischen Kabarett. Manchmal kommen nach einer Vorstellung Zuhörer und sagen: Ach, das war schön, ernste Themen und man konnte trotzdem lachen. Eigentlich ein absurder Kommentar: Trotzdem lachen …

MEIER: Sie spielen das Programm seit ein paar Monaten. An welchen Stellen lachen die Leute garantiert? Gibt es „sichere Lacher“?
Hormuth: Oh ja! Natürlich gibt es viele Stellen … Und ich habe einen superguten Einstieg. Der funktioniert immer.

MEIER: Und wie?

Hormuth: (lacht) Ich stöhne erstmal ein bisschen, zusammen mit dem Publikum. Es hat immer unheimlich Bock darauf. Stöhnen hat auch was Therapeutisches. Vor der Premiere war mir gar nicht klar, wie geil das eigentlich ist. Seitdem lasse ich die Leute immer stöhnen.

Interview: Dimitri Taube. Foto: Brigitte Bärenz
MEIER 9/2009

www.frederichormuth.wordpress.com

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