Viel Herzblut
Die 1959 geborene Musikerin wird gern als „First Lady der Klarinette“ bezeichnet. Weltweit bekannt wurde sie, als Herbert von Karajan die gebürtige Schwäbin als erste Frau bei den Berliner Philharmoniker engagiert hat. Seit Mitte der 80er ist die zweifache Mutter mit seltener Konstanz solistisch unterwegs, seit 1993 hat sie in Lübeck eine Professur. MEIER hat sich mit Sabine Meyer über runde Geburtstage, Pferde und natürlich ihre Musik unterhalten.
Sie haben im März 2009 einen ziemlich runden Geburtstag gefeiert. Hat Sie das irgendwie beeindruckt?
Natürlich haben wir den 50. als etwas Besonderes gefeiert. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt total schockiert wäre. Und eigentlich fühle ich mich besser als je zuvor. Ich kann vieles mehr genießen, und auf dem Instrument habe ich das Gefüühl: Es geht weiter. Man hat jetzt alle Möglichkeiten auf dem Instrument und kann sie voll ausschöpfen. Das ist ein sehr schönes und sicheres Gefühl.
Gibt es denn bei Klarinettisten ein Verfallsdatum?
Naja, wenn man Probleme mit den Zähnen hat oder den Muskeln im Mundbereich, die sehr unter Spannung stehen, dann wird es schwierig. Aber ich finde sowieso, dass man nicht unbedingt auf der Bühne stehen muss bis man 80 ist. Man muss ja auch nicht mit Solokonzerten durch die Welt reisen, wenn man denkt, man schafft das nicht mehr. Die Reiserei und das Hotelleben steckt man im Alter einfach nicht mehr so leicht weg wie mit 20 oder 30.
Ich nehme an, dass Sie sich Ihre Engagements aussuchen können. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Ich bin tatsächlich in der glücklichen Situation, dass ich mir aussuchen kann, was ich mache und vor allem auch, wieviel. Bei mir gibt es da in etwa eine Dreiteilung: die Lehrtätigkeit hier in Lübeck, Solokonzerte natürlich, aber auch Kammermusik mit den verschiedenen Ensembles und Partnern oder unserem Trio di Claronemit meinem Mann und meinem Bruder.
Sie haben mit fast allen großen Orchestern gespielt. Haben Sie da Vorlieben hinsichtlich des "Sounds".
Das kann ich eigentlich nicht sagen. Es müssen ja nicht immer die Wiener Philharmoniker sein. Es gibt auch wunderbare Konzerte mit kleineren Orchestern mit tollen und super engagierten Leuten. Es kommt darauf a,n mit wieviel Herzblut die Kollegen bei der Sache sind.
Sie haben soviele Echo-Preise "abgeräumt“, wie kein anderer "Klassikkünstler". Sehen Sie ein Problem darin, dass sich die Phonoindustrie damit gewissermaßen selbst auszeichnet?
Ich empfinde das gar nicht so. Und es ist doch immer schön, wenn man eine Auszeichnung bekommt, wenn anerkannt wird, was man macht, und die Programme spannend gefunden werden. Dass man - sozusagen wörtlich - ein Echo bekommt auf das Herzblut, das man in etwas hineingesteckt hat. Und dass hier auch gute Verkaufszahlen ausgezeichnet werden, damit habe ich natürlich auch kein Problem.
Sie züchten Pferde. Was halten Sie von solchen außermusikalischen Etikettierungen - wie z.B. bei Helene Grimaud und ihrer Beschäftigung mit Wölfen - die das Interesse beim nicht Klassik-affinen Publikum wecken sollen?
Generell meine ich, PR gehört dazu. Wenn es gut gemacht ist und nicht unter der Gürtellinie, hab’ ich nichts dagegen. Die Leute wollen ja etwas über einen erfahren und darüber, was man sonst noch so tut. Ja, und die Pferde … Es war immer mein Traum, eigene Pferde zu haben. Irgendwann hatten wir eine tolle Stute und haben dann sozusagen zum Eigengebrauch gezüchtet. Das ist ein reines Vergnügen und ein Ausgleich. Man braucht das als Musiker, der soviel unterwegs. Allein schon ins Auto zu steigen und aufs Land rauszufahren, gibt schon ein anderes Entspannungsgefühl. Und man braucht ja auch einen Platz, wo man sich wieder regenerieren kann. Das ist für uns der Hof mit den Pferden, dem Hund und allem, was da so herumschwirrt. Mein Mann ist gerade rausgefahren, denn die Pferde müssen ja auch bewegt werden.
Reden Sie eigentlich noch gern über Ihre Geschichte mit Karajan und den Berliner Philharmonikern?
Also, das ist jetzt wirklich lange her und muss nicht immer wieder aufgewärmt werden.
Dann reden wir über etwas anderes: Es gibt momentan ja eine Tendenz im klassischen Musik-Marketing zur Freizügigkeit – CD-Covers mit Frauen, die möglichst wenig an haben, und dergleichen. Wie stehen Sie dazu?
Also im klassischen Bereich sind wir doch davon noch ziemlich entfernt. Andererseits halte ich ansprechende Covers für sehr wichtig. Vor 20 Jahren waren Klassik-Covers oft gähnend langweilig. Da musste man auch von der Pop-Branche lernen. Und ich finde, da ist inzwischen viel Gutes passiert.
Als Professorin sind Sie ja ganz nah am musikalischen Nachwuchs. Finden Sie, dass da bei uns genug getan wird?
Das ist natürlich das Grundproblem. Eigentlich müsste schon im Kindergarten mit einer musikalischen Ausbildung begonnen werden, in der Schule dann mit guten und begeisternden Lehrern, so dass die Kinder nicht schon hier zu einer negativen Einstellung zur klassischen Musik kommen. Aber es gibt auch ganz viele gute Beispiele, z.B. „Jedem Kind ein Instrument“ in NRW. Insgesamt kann man aber auch feststellen, dass die Veranstalter immer stärker versuchen, Barrieren abzubauen, etwa mit ungewöhnlichen Spielstätten, in die sich auch junge Leute hineintrauen. Auch wir Interpreten sind da gefragt, mit unseren Programmen oder indem wir kleine Einführungen geben, mit denen wir die Sache spannender machen.
Die zeitgenössischer Musik hat ja nach wie vor keinen leichten Stand. Haben Sie eine Erklärung, warum sich das Abo-Publikum mit Schönberg und Co. immer noch so schwer tut?
Das Abo-Publikum ist es ja meistens gar nicht. Oft sind es die Veranstalter, die sagen: „das Stück lassen wir lieber, da kommen die Leute nicht“. Wenn man dann nach einem neuen Stück mit den Leuten spricht, fanden sie es oft das Spannendste am ganzen Abend.
Ihr Mann Rainer Wehle ist auch Klarinettist, Sie musizieren viel zusammen. Gab oder gibt es da die Gefahr, dass sich alles nur noch um das Rohrblatt und die Kinder dreht?
Wir sind gar nicht soviel zusammen, wie sie glauben. Außerdem ist es sehr schön etwas gemeinsam zu machen. Wir genießen unsere gemeinsamen Konzerte - auch mit meinem Bruder. Wenn man sich so gut kennt, kann man einfach musikalisch ganz tolle Sachen machen - und auch spontan sehr vieles wagen.
Vermissen Sie diese Vertrautheit bei Orchesterkonzerten, wo man sich vielleicht nicht kennt und nur wenig Probezeit hat?
Ich bin jemand, der immer versucht, auch im großen Stil Kammermusik zu machen, auch beim Mozart-Konzert. Ich stelle mich nicht da vorne hin, spiele los und denke, „so jetzt seht mal zu wie ihr damit klarkommt“. Es geht ja darum, musikalisch zusammen zu denken, sich anzupassen, auch zu reagieren. Und es ist auch schön, die Ideen des Dirigenten aufzugreifen, nicht immer nur geben zu müssen, sondern auch etwas zurückzubekommen.
Ihr Ludwigshafener Programm heißt „Paris Mécanique“ und findet im Rahmen der großen Surrealismus-Ausstellung statt. Was erwartet uns?
Etwas ganz Aufregendes. Das ist eines der schönsten Projekte, das wir in den letzten Jahren gemacht haben, mit Musik von Leroy Anderson, Satie, Poulenc oder Strawinsky für vier Klarinetten und Drehorgel. Pierre Charials Stradivari-Orgel hat einen unglaublichen Sound. Er ist auch einer der letzten, der diese gestanzten Pappen herstellt. Er hat viele Arrangements selbst gemacht. Michael Riessler, mit dem wir studiert haben, hat Ideen geliefert und arrangiert, und er improvisiert auch live. Mein Mann moderiert, und mein Bruder Wolfgang spielt auch noch mit.
Hindemith spielen Sie in Mannheim. Was liegt Ihnen bei seinem Klarinettenkonzert besonders am Herzen?
Ja, es wird leider viel zu selten gespielt. Hindemith hatte es für Benny Goodman geschrieben, und es ist ein - wie ich finde - hochromantisches Stück für die dunklere, weiche A-Klarinette, das Hindemith sehr farbenreich instrumentiert hat. Es ist sicher nicht so fetzig, wie z.B. Weber, den ich im Januar in Heidelberg spiele, aber es ist auch viel Humor darin. Man kann hier alles zeigen, was die Klarinette kann.
Interview: Ingo Wackenhut
Foto: Thomas Rabsch/EMI




