Heidelbergs neuer Operndirektor im Interview
Von Kiel nach Heidelberg: Der 1975 geborene Joscha Schaback, der in Berlin Germanistik-, Theater- und Musikwissenschaft studiert hat, geht in seine erste Spielzeit als Nachfolger von Bernd Feuchtner in der Heidelberger Operndirektion. Hier will er sich besonders intensiv um die Jugend kümmern. Ingo Wackenhut sprach mit ihm über seine Ideen für Heidelberg.
Wie kam es konkret zu Ihrer Berufung zum Heidelberger Operndirektor?
Vor einem Jahr hat mich Benedikt von Peter, dessen steile Karriere in Heidelberg mit den Inszenierungen von „Eugen Onegin“ und „Chief Josef“ begann, Peter Spuhler als Operndirektor vorgeschlagen. Ein paar Wochen später habe ich den Intendanten und Jan Linders, den bereits designierten Schauspieldirektor, in Berlin getroffen. Wir haben drei Stunden intensiv geredet, gelacht und sogar schon Ideen entwickelt. Danach bin ich mit meiner Familie nach Heidelberg gereist. Es war ein besonderer Moment, als mir Peter Spuhler die Alte Feuerwache gezeigt hat, in deren Hof nun das Opernzelt steht. Ein magischer Ort mit tausend Geschichten! Ich fühlte mich an meine Zeit bei der RuhrTriennale unter Gerard Mortier erinnert. Dort wurden – genau wie bei uns jetzt – alte Industriebauten für eine künstlerische Nutzung zu neuem Leben erweckt. Heidelberg ist ein großartiger Ort zum arbeiten!
Inwieweit trägt denn der Spielplan 2009/10 schon Ihren Stempel?
In Bezug auf den Schwerpunkt Jugendarbeit sowie auf die Auswahl der Sänger und Regisseure. Die Heidelberger Oper macht mit der „Zauberflöte Für Kinder“ (Familienoper), Noahs Flut (Kirchenoper für Kinder), Cinderella (Jugendtanzprojekt in Zusammenarbeit mit der Tanzkooperation pvc) und Amadeus On The Rocks (Rockoper nach Mozart) enorm viel für Kinder und Jugendliche.
„Noahs Flut“ ist für jugendliche Stimmen und Profisänger sowie für erwachsene, professionelle und jugendliche Orchestermusiker geschrieben. Genau so werden wir die Oper in der St. Albert Kirche aufführen. Denn es geht mir darum, dass wir nicht nur Theater für, sondern auch mit Kindern und Jugendlichen machen!
Bei der Rockoper nach Mozart werden Schülerinnen und Schüler ihre Version des Zauberflöten-Stoffes auf die Bühne bringen und dazu – von Mozart inspiriert – ihre eigene Musik schreiben und „rocken“.
Auch die Auswahl der Gastsolisten und die Veränderungen im Ensemble habe ich mitgeprägt. Ich habe zusammen mit Cornelius Meister die Neuzugänge (Annika Sophie Ritlewski, Alejandro Armenta) und „Wiederkehrer“ (Hye-Sung Na, Wilfried Staber) ins Ensemblegeholt und alle Gastengagements initiiert. Außerdem: Mein erster Anruf für das Heidelberger Theater galt Tobias Kratzer, den wir zusammen mit seinem Ausstatter Rainer Sellmaier glücklicherweise für die Eröffnungspremiere verpflichten konnten. Übrigens hatte ich Sandra Leupold, die bei uns den fulminanten „Don Giovanni“ gemacht hat, vergangene Spielzeit nach Kiel vermittelt. Sie wird bei uns “Salome” inszenieren!
Durch Peter Spuhlers Wechsel nach Karlsruhe im Sommer 2011 dürften sich ja Ihre Heidelberger Perspektiven doch etwas verkürzt haben. Fühlen Sie als Lückenbüßer?
Nein, überhaupt nicht: Wir haben die Chance, im Opernzelt alles neu zu erfinden – vom Spielplan bis zu den Schminkplätzen für die Sänger. Wir spielen Große Oper: „Die Zaubeflöte“, „Rigoletto“, „Ai-E“n – ein gewaltiges japanisches Epos in Originalsprache – und „Salom“e von Richard Strauss. Wann hat man schon die Möglichkeit, quasi ein Theater neu zu gründen? Eine wunderbare Erfahrung, die sich dem Publikum als Aufbruch und Abenteuer mitteilen wird.
Und was ist nun aus Ihrer Offenbach-Obsession geworden?
Sie ist nicht abgeklungen!
Noch was ganz Banales: Wir konnten uns bei der Spielzeit-PK schon davon überzeugen, dass es im Opernzelt bei einem Wolkenbruch ordentlich laut werden kann. Wie gehen Sie denn damit um?
Wir wissen von anderen Theatern, die das Zelt vor uns zu Interimszeiten bespielt haben, dass keine Vorstellung unterbrochen wurde. Wenn allerdings der Blitz einschlägt, sollten wir die Vorstellung für ein paar Minuten unterbrechen (lacht). Im Ernst, das Opernzelt ist ein speziell für das Musiktheater konstruierter Kuppelbau, der eine ausgezeichnete Akustik und gute Sicht garantiert, sowie bequeme Sitze hat. Außerdem lässt sich der Raum variabel bespielen; so ergeben sich neue, spannende Bühnenbildmöglichkeiten. In den letzten Tagen hatten wir Proben mit Orchester, Chor und Solisten im Zelt. Es klingt großartig.
Mit der Zauberflöte geht’s los. Wollen Sie uns schon mal ein bisschen ins Nähkästchen gucken lassen?
Wir nehmen das Wörtchen Zauber ernst. Es wird eine Inszenierung, die mit den Mitteln des Varietés spielt. Die Bühne besteht aus zwei Drehscheiben, die mit Wänden bestückt sind. Wir drehen die Drehscheiben gegeneinander, so dass immer neue Räume entstehen. Heute Abend sehe ich hoffentlich mal den Schwebetrick …
Unsere Premieren-Königin der Nacht heißt Hulka Sabirova und wurde kurz nach unserem Vorsingen an die Deutsche Oper Berlin engagiert.
Alle, die die „Zauberflöte“ sehen möchten, sollten sich rechtzeitig um Karten bemühen. Wer für die Premiere am 7. Oktober keine Karten mehr bekommt, kann bereits am 4. zur Voraufführung kommen. Zu diesem Termin haben wir auch die Nachbarn rund ums Zelt eingeladen, die uns ganz besonders am Herzen liegen.
Für die Kindersolisten-Partien in „Noahs Flut“ gibt es übrigens ein Casting am 19. und 23. September jeweils 14 Uhr im Zwinger1, Zwingerstraße 1, Kontakt: musikpaedagogik@theater.heidelberg.de. Auch für “Amadeus On The Rocks“ gibt es ein Casting für Sing- und Spielbegeisterte am 17.10. ab 11 Uhr, und am 18.10. ab 12 Uhr im Zwinger1 (Kontakt: musikpaedagogik@theater.heidelberg.de)
Interview: Ingo Wackenhut (SpielZeit 9/2009 - SpielZeit ist der halbjährlich erscheinende Kulturplaner für den Südwesten von MEIER und LEO)






