Bluenotes und Hurrikans

Nach ihrem grandiosen Album „Belly of the Sun“ (2002) und ihrem kontrovers diskutierten „Thunderbird“-Album (2006) hat sich die Sängerin Cassandra Wilson erstmal eine kreative Auszeit genommen. Ihre beiden letzten Alben „Loverly“ und „Close to You“ enthalten ausschließlich gediegene Cover-Versionen von Jazz-Standards und Popsongs. Manche Kritiker sehen darin ein Zugeständnis an den Sängerinnen-Mainstream à la Norah Jones und Diana Krall und murmeln „Ausverkauf“. Hört man die Alben dagegen an, wird man kaum ein Argument gegen „Amerikas beste Stimme“ (Time) finden können. Gerade im Rückgriff aufs Populäre liegt ein wesentlicher Impuls, der auch klarstellt, dass Cassandra Wilson immer auch über ein explizit politisches Selbstverständnis verfügt hat. Außerdem: Das Konzert von Cassandra Wilson im Rahmen von Enjoy Jazz 2009 ist tatsächlich eine Premiere. MEIER hat sich mit der Sängerin unterhalten.

 

MEIER: Ihr aktuelles Album „Closer To You“ besticht durch eine Reihe sehr subtiler Interpretationen bekannter und sehr bekannter Popsongs, die von verschiedenen ihrer Alben stammen und hier fast konzeptuell versammelt wurden ...

 

Cassandra Wilson: Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche, aber das ist nun wirklich nicht ungewöhnlich. Es ist Teil der Jazz-Tradition, Popsongs zu interpretieren. Es kommt nur darauf, die Songs in einen bestimmten Kontext zu übertragen und ihnen eine spezifische Behandlung zu verpassen. Nichts anderes haben die großen Jazzmusiker der 30er und 40er Jahre getan.

 

MEIER: Etwas, was Sie mit Ihrem vorangehenden Album „Loverly“ ja auch getan haben, als Sie Standards wie „The Very Thought of You“ oder „Caravan“ interpretierten. Diesmal sind es Songs von Sting, The Band oder auch – für mich eine Überraschung – ein Song von den Monkees. Was interessierte Sie denn an „Last Train to Clarksville“?

 

Wilson: „Last Train to Clarksville“ war ein Riesenhit für die Monkees. Aber geschrieben haben ihn die Songwriter Tommy Boyce und Bobby Hart, und es ist wirklich ein wunderbarer Song mit einer tiefen Bedeutung. Es handelt sich dabei um einen Protestsong gegen den Vietnamkrieg, verkleidet als Hitsong.

 

MEIER: Verbindet die Songs, die Sie für „Closer to You“ ausgesucht haben, etwas Besonderes?

 

Wilson: Um ehrlich zu sein: Ich habe mit diesem Album nicht viel zu tun gehabt. Es handelt sich um eine Kompilation von alten Arbeiten, die von „Blue Note“ besorgt wurde.

 

MEIER: Sie wurden nicht gefragt, ob Sie mit dieser Zusammenstellung einverstanden sind?

 

Wilson: Doch, klar, aber das ist Teil meines Vertrages mit „Blue Note“. Es ist gewissermaßen mein Geschenk zum 70. Geburtstag von „Blue Note“. Ich bin stolz darauf, Teil dieser wunderbaren Tradition zu sein.

 

MEIER: „Thunderbird“, ihr letztes Album mit neuem Material, erschien 2006. Womit sind Sie aktuell beschäftigt?

 

Wilson: Digging deeper. Ich lebe wieder in New Orleans, ergebe mich der Kultur und warte darauf, dass die Musik kommt. Ich habe ein paar neue Songs geschrieben, die sehr eng mit der Region kommunizieren.

 

MEIER: Auch Terence Blanchard tritt in diesem Jahr im Rahmen von Enjoy Jazz auf. Blanchard hat den Soundtrack zu einer zornigen Dokumentation von Spike Lee über den Hurrikan Katrina und seine politischen Folgen gemacht. Hat Katrina unser Bewusstsein für New Orleans geschärft?

 

Wilson: Das ist eine der überraschenden Konsequenzen der Katastrophe, die immerhin eine der verheerenden Episoden in der Geschichte der USA war. Die große Frustration und Verzweiflung war eine mächtige Emotion. Deshalb bin ich nach New Orleans gezogen: um Zeuge dieser Emotionen zu sein. Ich wollte Teil dieser Energie sein. Was in New Orleans seitens der politischen Klasse der USA zu beobachten war, war mehr als ein Skandal. Es war die Travestie von Politik. Und die Menschen im Süden sind noch immer damit beschäftigt, diese traumatische Erfahrung zu verarbeiten.

 

MEIER: Wenn man Ihre Musik vor diesem Hintergrund hört, bekommt die Kraft und die Spiritualität, die ihr innewohnt, eine politische Dimension, gerade weil sie sich den Wurzeln der Kultur des Südens zuwendet. Man könnte von einem Reinigungsprozess sprechen.

 

Wilson: Exakt darum geht es mir. Die Aufgabe des Künstlers besteht darin, die Emotionen der Menschen und ihrer Kultur zu spiegeln. Der Künstler ist der privilegierte Zeitgenosse, der nach den spirituellen Wurzeln einer Kultur gräbt, um der tieferen Bedeutung bestimmter Ereignisse auf die Spur zu kommen.

 

MEIER: Was also dürfen wir live in Ludwigshafen erwarten?

 

Wilson: Es wird eine Mischung aus altem und neuem Material geben. Ich habe eine fantastische Band. Es ist live, da weiß man nie, was sich entwickelt. Das ist ja das Spannende, weshalb man Konzerte besucht, oder?

 

Interview: Ulrich Kriest (MEIER 10/2009)

Foto: Jenny Bagert

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