Popkultur ist Stadtentwicklung

Foto: Luigi Toscano

[Nov. 2009, hier das Interview in voller Länge] Wie geht es weiter mit der Popmusik? Die Experten treffen sich vom 21. und 22.11. in der Mannheimer Popakademie zum Kongress Zukunft des Pop 2009. Mit dabei beim Branchentreff der Popkultur ist auch Sebastian Dresel. Der 34 Jahre alte Pop-Beauftragte der Stadt Mannheim ist seit vielen Jahren ein Impulsgeber der Szene. Im MEIER-Interview spricht Dresel über die künftigen Herausforderungen des Pop und wie Mannheim sich als Popmusik-Standort künftig positionieren muss.

Meier: Um über die Zukunft der Popmusik zu diskutieren, muss man sich auch über den Status Quo einig sein. Wo steht die Pop-Musik im November 2009?

Dresel: Vielen Dank für die Formulierung. Nämlich der vorangestellten Frage nach der Musik – nicht nach der Industrie. Beim Beantworten dieser Frage läuft bei mir im Hintergrund irgendeine tolle Band aus irgendwo bei Byte FM. Dann spricht der alte Klaus Walter im Anschluss über Jochen Distelmeyer, dessen Song „Wohin mit dem Hass“ und über Ted Geyers wehrhaften offenen Brief gegen die „Marke Hamburg“. Alles toll. Reden wir also erst einmal über das Wichtigste, nämlich die Musik selbst. Sie ist so allgegenwärtig wie nie zuvor und vielfach auch so gut wie nie zuvor. Man muss längst nicht mehr in der Nähe eines gut geführten Plattenladens wohnen, um auch in die Untiefen der Popkultur vorstoßen zu können - und diese Gelegenheit wird von vielen genutzt. Pop -  und ich verstehe das immer als die Gesamtheit der Genres zwischen Dubstep, Hardcore, Hip-Hop, Indie, Dance, Geschrabbel, Rock, Pop im engeren Genre-Sinne und soweiter - wurde noch nie so ernst genommen. Was natürlich das Problem mit sich bringt, dass auch gewohnte Positionen ins Wanken geraten. Wenn Pop endlich als etablierte Gegenwartskultur wahrgenommen wird, kratzt das heftig an einem Selbstverständnis, das eng mit Begriffen wie „Gegenkultur“ oder „Underground“ verknüpft ist. Wobei ich da noch viel Raum sehe. Mit das Beste an der Dauerverfügbarkeit all dieser großartigen Musik ist doch, dass der Ganze Unfug, den uns Industrie, Radio und Fernsehen als Mainstream anbieten, sich nun dauerhaft dem Kontrast aussetzen muss.

Meier: Neue Technologien, vor allem das Internet, haben die Rezeption von Pop-Musik im letzten Jahrzehnt komplett verändert. Welche Antworten haben die Industrie und die Politik auf diese veränderten Rahmenbedingungen?

Dresel: Ganz klar: wenige. Man muss außerdem attestieren, dass zu lange nicht ernsthaft gesucht wurde. Ich bin aber der Auffassung, dass die ständig gegenseitig vorgetragene Forderung nach Antworten derzeit nicht entscheidend weiter führt, weil sie die Realität überfordert. Antworten hat momentan niemand auf Lager, der sich nicht auf unredliche oder realitätsfremde Extreme zurückzieht. Auf diese Art und Weise verharrt man in der gegenseitigen Schuldzuweisung, nach dem Motto: Ihr habt ja auch keine Antworten. Aus meiner Perspektive hängt die Debatte an diesem Punkt und es bedürfte einer sehr viel offeneren und generelleren Debatte. Der Niedergang der Musikindustrie ist aus meiner Sicht zunächst einmal ein Phänomen und keine Katastrophe und schon gar nicht mit dem Niedergang der Musik selbst zu verwechseln. Dieses Phänomen muss ganz generelle Fragen aufwerfen. Nämlich zum Beispiel: Als was verstehen wir Musik? Bislang hat die Industrie die Deutungshoheit inne gehabt und Musik als Produkt definiert, dessen größtmögliche Verbreitung das Qualitätsmerkmal ersetzt hat. Kurz: Gut ist (und Pop ist), was viel gekauft wird. Ich würde jetzt einfach mal dagegen halten: Musik ist Kunst, deren Wert sich auch auf anderen Wegen ermittelt. Wenn wir also nur spaßeshalber mal den Kunstmarkt heranziehen, würde dort niemand auf den Gedanken kommen, Ikea-Bilder als die bessere Kunst zu bezeichnen, weil sie sich häufiger verkaufen. Und jeder kann sich dementsprechend fragen, ob er nun ein signiertes Original haben will, oder ein nicht-lizensiertes Poster von der Straße. Die meisten nehmen Poster – vielleicht nehmen Städte oder Clubs oder Einzelpersonen lieber Originale – mit entsprechenden Exklusivrechten. Wie gesagt: vielleicht.



Meier: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen des Pop in der Zukunft?

Dresel: Popkultur wird sich einem furchtbaren und zersetzenden Kampf ausgesetzt sehen. Nämlich dem, ob eine sich selbst immer noch als „freie“ und „Gegenkultur“ verstehende Kultur nicht teilweise den Weg in die Etablierung als „Kultur“ im klassischen Sinn - inklusive öffentlicher Förderung - geht. Ein Prozess, der ja längst eingesetzt hat. Wenn man „Popkultur“ als gesellschaftlich wichtig anerkennt, aber feststellt, dass es die Märkte nicht gibt, die diese Kultur aus sich selbst heraus tragen, muss die Frage erlaubt sein, wie man darauf zu reagieren gedenkt. Letztlich basiert jede klassische Kulturförderung auf diesem Marktversagen. Wie wir wissen, tragen sich die wenigsten so genannten „Kulturtempel“ selbst. Entweder wir argumentieren neoliberal – dann aber auch überall – oder wir müssen Musiker endlich als förderungswürdige Künstler betrachten. Auch und gerade weil dann ganz heftige Debatten darüber entbrennen müssen, wer denn nun entscheidet, was „gut“ ist. Scooter sind es nicht. Coverbands auch nicht, weil für jene noch ein Markt besteht. Eine weitere ständige Herausforderung des Pop ist nun mal, dass die Kids allright sind. Wenn man sich die Nostalgie ansieht, die sich bei vielen Grunge- oder Techno-Gralshütern, die heute in irgendeiner Form Funktionäre sind, breitgemacht hat, dann werden sich letztere Fragen lassen müssen, ob ihre Erinnerungskultur nicht tatsächlich Gedächtnisverlust ist. Der olle Westbam hat mal gesagt: forward ever, backward never. Damals fand ich das doof. Heute ganz charmant.

Meier: Was muss eine Stadt wie Mannheim tun, um künftig noch stärker als Pop-Standort in Deutschland und international wahrgenommen zu werden?

Dresel: Wir müssen experimenteller, herzlicher und niveauvoller werden. Wir brauchen Club-Förderung, wir brauchen gezielte Musiker-Förderung, wir brauchen Musik im Alltag, wir müssen das Thema „Musik“ als Kernthema für Stadtentwicklung begreifen. Wir brauchen inhaltliches Niveau! Wir müssen innovativ auf die neuen Rahmenbedingungen reagieren. Beispielsweise, indem wir Funktionen, die von Labels nicht mehr übernommen werden können, an uns reißen. Indem wir „unsere“ Bands auf Tournee schicken, indem wir Produktionen übernehmen und die Projekte als Botschafter begreifen, indem wir Leute ausbilden, die in der digitalen Welt auch technisch professionell agieren können. Aber auch, indem wir die Probleme, die damit einhergehen, offen angehen. Man wird keine Musikstadt, wenn man an jeder Ecke der Stadt Anrainer-Interessen vor alles andere stellt. Wir müssen aufhören, Musik in sich selbst zu debattieren, sondern Baurecht, Gaststättenrecht, Soziologie, Stadtplanung, Marketing, Kulturvisionen und Rechtswissenschaften mit einbeziehen. Und wir müssen Wege finden, die klar besagen, dass z.B. formidable DJs oder Bands nicht in einer Disco oder einem Club auflegen oder spielen, die rechtlich mit einem Puff gleichgesetzt werden, sondern in einer Kulturstätte. Wir müssen die Musikliebhaber fördern, nicht die Verwerter.

Meier: Die Pop-Musik kann nicht isoliert betrachtet werden, viele Locations, viele Clubs und ein breit gefächertes Nachtleben geben den Rahmen. Sehen Sie auf diesem Sektor in Mannheim nicht Handlungsbedarf?

Dresel: Dringenden. Besser: dringlichsten! Aber man muss genau hinsehen und genau überlegen, was aus diesem Handlungsbedarf dann tatsächlich für eine Aufgabe erwächst. „Kommunale“ Clubs z.B. sind ein Ansatz, dessen Ergebnisse man an dutzenden derzeit noch kommunal geführten„Kulturzentren“ bundesweit ablesen kann. Die vegetieren mehr schlecht als recht vor sich hin. Wir müssen kompetente Akteure gewinnen, die dieses Nachtleben gestalten. Ein Podest wird erst zur interessanten Bühne, durch denjenigen oder diejenige, die bestimmen, wer auf dem Podest steht. Man muss lokale Akteure stärken und sie unterstützen, indem man ihnen möglichst wenig im Weg herum steht. Aber auch, indem man sie fordert, Inhalte zu präsentieren, die einem internationalem Niveau entsprechen. Nehmen wir das Mannheimer Stadtfest, das vielfach ein musikalisches Gruselkabinett ist. Man muss eben auch gezielt und aktiv nach Akteuren suchen, die eine Bereicherung für die Stadt darstellen. Leute, Musiker, Firmen und noch einmal Leute. Wir dürfen uns nicht nur von Innen heraus verstehen, sondern gezielt nach Impulsen von außen forschen. Das Hamburger Konzept der Gema-Förderung für Clubs hatte auch ich schon ins Spiel gebracht. Dass die es jetzt machen, sollte uns ein Ansporn sein. Und man muss, das ist enorm wichtig, dafür sorgen, dass die Menschen, die unsere Läden dann besuchen bzw. die Dienstleistungen wahrnehmen sollen, hier auch herkommen. Wenn die Leute erst um Ein Uhr Nacht aus dem Haus gehen, dann tun sie das. Und wenn sie bis um sieben ihre Form von Kultur leben wollen, dann tun sie auch das. Wenn sie auf Facebook oder sonstwo tagtäglich lesen, was woanders so passiert, dann wird der Druck auf das eigene Umfeld enorm groß. Da hält man mit, oder man verliert den Anschluss. Das gilt überall, nicht nur in Mannheim. Übrigens eine Tatsache, die sich maßgeblich auf Bereiche wie den „Bildungsstandort“ oder auf die „Talentstrategie“ auswirken wird. In einer langweiligen Stadt wollen die wenigsten studieren oder arbeiten. Und was langweilig ist, wird nicht hier, sondern in den großen Metropolen definiert.

 

Meier: Was glauben Sie, welche Entwicklung wird die Pop-Musik in den nächsten zehn Jahren nehmen und wie ist Mannheim für diese Entwicklung gerüstet?

Dresel: Wem auch immer der Dank dafür gebührt: Popmusik wird sich weiterhin unvorhersehbar entwickeln, weil sie immer den Gegenwartsbezug atmen wird. Das macht sie einzig- und großartig! Auch wenn die Popindustrie den Bach herunter geht, wer Popkultur als Ausdrucksform bezweifelt, der wird sich noch schwer wundern. Mannheim ist dann für diese Entwicklung gerüstet, wenn es in der Lage und willens ist, dieser Unvorhersehbarkeit ständig aufs Neue zu begegnen. Und nicht einmal durch eine halbwegs flotte Reaktion, sondern durch Maßstabsetzung.

[MEIER, November 2009, Interview: Tobias Schächter]

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