Die britische Künstlerin privat

Das Innerste konsequent nach außen stülpen. Wenn Autobiografien so etwas gelingt, werfen Kritiker mit Adjektiven wie “schonungslos” und “radikal” nur so um sich. Doch sollte dies nicht der normale Zweck einer Autobiografie sein? Dass der Autor sich möglichst konsequent aufschreibt und dabei so gut es geht Rechenschaft über sich ablegt?

Tracey Emin, berühmte englische Künstlerin britisch-zypriotischer Abstammung und 1963 in London-Croydon geboren, hat es in ihrem Buch “Strangeland” getan. Mit den knappen, glücklicherweise nicht zu knappen schriftstellerischen Ressourcen, die ihr, deren künstlerisches Oeuvre bekanntlich von roher Offenheit ist, zur Verfügung stehen. Emins Sprache ist schlicht, aber genau. Durchaus pointiert gestaltet die Autorin ihr autobiografisches Leben vor allem als rasche Abfolge von Handlungen und Ereignissen. Was sie tut und was ihr widerfährt, ist nicht immer nett, schrecklich sogar, wenn sie uns von ihrem ersten Mal erzählt – eine Vergewaltigung im Teenageralter. Doch sie liebt das Leben und nimmt es trotz seiner Härten, heftiger Aufs und Abs im Ganzen gerne an. Das ist schön, und vermutlich garantiert diese Haltung die offenherzige Zärtlichkeit, die auch in diesem Buch steckt.

Mit sich selbst geht sie hart ins Gericht, manchmal mit selbstironischem Ton. Oder fragend: Wieso sie als Teenager mit so vielen Männern Sex hatte, kann sie heute nicht mehr verstehen. Muss sie auch nicht. Gut, dass sie die naheliegendste Erklärung nicht wählt. Die reicht nämlich nie.

* Tracey Emin: Strangeland. Aus dem Englischen von Sonja Junkers. Blumenbar. 240 Seiten. EUR 17.90

[Michael Saager, 5/2009]

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