Ein Arzt allein

Farin Urlaub, der Sänger und Gitarrist der Ärzte, nimmt seinen Namen gerne wörtlich: Als MEIER-Musikredakteur Ulrich Kriest im April bei ihm anrief, war er gerade mit Freunden nach Spanien in Urlaub gefahren. Doch der Mann, der entspannt genug ist, um mit dem Farin Urlaub Racing Team noch eine amtliche Zweitband zu betreiben, hielt Wort. Aus dem Urlaub rief er bei MEIER zurück und verriet uns schon mal, was im Mai so alles passieren wird, wenn er mit seinem Racing Team Ludwigshafen überfällt.

MEIER: Auf Ihrer Webseite kann man eine Liste der Ihnen häufig gestellten Fragen anklicken und sich da richtig festlesen. War das viel Arbeit?

Farin Urlaub: Ich kann ganz schnell tippen.

MEIER: Sind die Fragen in ihrer teilweisen Gaga-Haftigkeit eigentlich authentisch?

Urlaub: Die sind authentisch und auch durchaus häufiger gestellt.

MEIER: Ist ja super! Sie sind jetzt so lange im Geschäft und werden immer noch mit Sinnsuche aller Art konfrontiert. Mögen Sie Cornflakes? Wie finden Sie Grufties? Sind Sie schwul? Wie finden Sie Nazis?

Urlaub: Mich überrascht das selbst. Das sind ja keine komplett Wahnsinnigen, sondern vielfach ganz normale Leute. Was die mir oder uns für eine Relevanz in ihrem Leben einräumen, das finde ich schon faszinierend. Dass das so ist, hängt vielleicht mit diesem Gleichmachermedium Internet zusammen. Wenn ich in den 70ern die Möglichkeit gehabt hätte, Paul McCartney eine Mail zu schicken, hätte ich das bestimmt nicht gemacht, weil ich Angst gehabt hätte, ihn zu langweilen. Solche Gedanken gibt es heute nicht mehr. Das finde ich großartig.

MEIER: Wie ernsthaft sind denn Ihre Antworten?

Urlaub: Nicht alle Antworten sind ernst gemeint. Das hängt immer mit den Fragen zusammen. Aber wenn mir jemand eine Sinnfrage stellt, die über die Zusammenstellung meines Frühstücks hinausgeht, dann antworte ich schon ernsthaft.

MEIER: Es gibt auch Themen, bei denen Sie selbst sagen, sie seien zu komplex für diesen Ort: die RAF oder die Wahlpflicht in einer Demokratie. Ganz schön erwachsen.

Urlaub: Na, ich bin halt 1963 geboren, da beginnt man schon zu reflektieren. Sagt Ihnen Popeye etwas? Da findet sich der Satz: “It takes all kinds of people to make a world!” Dieser Spruch beschäftigt mich, seit ich ihn zum ersten Mal las. Das macht es leichter, bestimmte Arschgeigen oder extrem konservative Hackfressen zu akzeptieren. Wenn wir uns eine Welt denken, in der solche Menschen nicht existieren, fehlt uns dann vielleicht etwas? Deshalb bin ich ein Fan differenzierten Denkens und ein Gegner platter Vereinfachungen.

MEIER: Zum Beispiel?

Urlaub: Was mich gerade ankotzt – darf ich jetzt mal polemisch den Stammtisch rauslassen? In der aktuellen Krise versuchen die Medien, die Verantwortung auf drei gierige Manager abzuwälzen, weil sie glauben, dass der normale Leser mit den ganzen Zusammenhängen überfordert wäre. Da kriege ich das Kotzen!

MEIER: Aber ist das nicht zu erwarten, dass man die Krise personalisiert, um nicht die Systemfrage stellen zu müssen?

Urlaub: Aber leben wir wirklich schon in so einer analphabetischen Gesellschaft, dass die Leute sich mit einer Schlagzeile zufrieden geben statt einmal zehn Seiten zu lesen und zu bemerken, dass sie zum Teil auch für die Krise verantwortlich sind? Ich finde es jedenfalls sehr traurig, was gerade passiert. Dass die Krise gemeistert werden soll, indem ein paar Manager öffentlich gezwungen werden, ihre Boni zurückzuzahlen. Das ist ganz schön frustrierend.

MEIER: Früher hätte man angefangen, sich Sorgen zu machen, wenn der Gitarrist seiner Lieblingsband nicht nur Soloalben veröffentlicht, sondern auch noch eine zweite Band gründet. Haben Popstars heute mehr Zeit als früher?

Urlaub: Man muss zwischen nationalen und internationalen Bands unterscheiden. Ich bin jetzt mal größenwahnsinnig und sage: Wenn die Ärzte alle noch so kleinen Nester und Festivals mitnehmen, können wir maximal vier Monate auf Tour sein. Aber Metallica müssen mit einem neuen Album mindestens drei Jahre touren, die haben dann keine Zeit für ein Zweitprojekt. Als deutsche Band kannst du das locker machen.

MEIER: Was unterscheidet das Racing Team von den Ärzten? Auf “Die Wahrheit übers Lügen” gibt es Ihren speziellen Humor, etwa in “Krieg”, aber auch ein paar ungewöhnliche Songs wie “Die Leiche”, den man auch Ludwig Hirsch zugetraut hätte.

Urlaub: Ich habe mir meinen Humor nicht für die Ärzte ausgedacht, deshalb kann ich ihn auch nicht komplett ablegen. Ludwig Hirsch hätte wahrscheinlich eine andere Pointe gewählt. Ich löse das ja nicht auf und enttäusche alle Erwartungen, worauf ich, ehrlich gesagt, doch etwas stolz bin. “Die Leiche” ist, bis auf das bisschen Bewegung zu Beginn, fast eine klassische Bildbeschreibung. Für solche Experimente ist eine zweite Band schon ganz hilfreich. Mit den Ärzten hätte ich wohl auch keinen lupenreinen Reggae wie bei “Zu heiß” gespielt.

MEIER: Die Ärzte haben mittlerweile ja den Status der Unantastbarkeit.

Urlaub: Elder Statesmen of Rock! Überraschend, weil wir es nie darauf angelegt haben. Aber okay.

[Ulrich Kriest, MEIER 5/2009]

17.5. Friedrich-Ebert-Halle, ­Ludwigshafen, 21 Uhr

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