Ein Sprachexperiment

Die Sprache macht bisweilen große Unterschiede: "Die Erde war in-den All=Weiten der Galaxis ohnehin der letzte Planet, auf dem solch organisch=fossile Lebensformen noch existiert hatten, 1 Nachzügler." Oder: "Meine Augen sahen von der-Welt & von ihrem harten Licht Anderes....., als du mit deinen Kindsaugen.“ Der so schreibt, so lyrisch und eigensinnig, scheinbar willkürlich, ist der 1953 in Ostberlin geborene Schriftsteller Reinhard Jirgl.

In "Die Stille" geht um den Tod, die Einsamkeit, das Nicht-mehr-Leben-bloß-noch-Existieren. Um die Stille eben. Und natürlich um viel mehr als sie. Jirgl, der zu jener Autorengeneration zählt, die in der DDR der 80er experimentelle Formen ausprobierte, macht seit Jahren ernst mit einer gewissen Subversion der Literatur, die vielleicht auch dem Philosophen Michel Foucault gefallen hätte. Lautmalerisch ist seine Rechtschreibung, der Textkörper eine Skulptur, wodurch sein Zeichencharakter überdeutlich wird. Häufig will dieser Autor mit seinem so kühl sezierenden und doch leidenschaftlichen Blick Machtverhältnisse bloßlegen, soziale Verwerfungen zeigen.

"Die Stille" erzählt die Geschichte zweier Familien, die durch zwei Weltkriege, Inflation und Flucht zusammengebracht werden. Von Ruin handelt das Buch, von Liebe und Verrat, von Hass und Geschwisterliebe. Die verschiedenen Erzählperspektiven, eine 80 Jahre umfassende Handlung, stupende Sprach- und Experimentierwut Jirgls können einen durchaus schaffen. Und vielleicht muss das so sein. Fluchtpunkt dieser schlicht nicht nachzuerzählenden Familiengeschichte ist Dorothea. Als Kind wurde sie "die Stille" genannt.

* Reinhard Jirgl: Die Stille. Hanser Verlag. 533 Seiten. EUR 24.90

[Michael Saager, 5/2009]

 

 

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