Mythischer Amerikaner

Es wäre kein echter Boyle, wenn sich der 60-jährige amerikanische Großschriftsteller nicht etwas Besonderes überlegt hätte. Er erzählt die Wirkungsgeschichte des Mannes, der das Guggenheim-Museum in New York entworfen hat, nicht einfach anhand seiner bahnbrechenden Bauten. Er wählt vielmehr die private Perspektive und hangelt sich anhand von Frank Lloyd Wrights Lebensgefährtinnen an dessen Biografie entlang. Der 1869 geborene Wright sorgte nicht nur durch seine "organischen" Häuser für Aufsehen. Er kam wegen seiner Scheidungs- und Liebesaffären nicht aus den Schlagzeilen heraus.

Nun treffen Frank Lloyd Wright, der Meister der natürlichen Form und T.C. Boyle, der Meister der Roman-Konstruktion, aufeinander. Er erzählt die Geschichte des Baukünstlers rückwärts. In drei gewaltigen Spannungsbögen nähert er sich der Tragödie, der Wrights erste Geliebte zum Opfer fällt, während er einen Vergnügungspark baut.

Wie in "Dr. Sex" wird der große Mann von einem seiner Schüler porträtiert, also aus der Perspektive eines wohlwollenden, aufschauenden Bewunderers. Und das ist in Ordnung, denn es geht Boyle nicht um Dekonstruktion, sondern um Heldenverehrung. Wright ist eine überlebensgroße Figur: rücksichtslos, wenn es um seine Kunst und seine Frauen geht. Dass T.C. Boyle das nicht nur wie gewohnt spannend erzählt, sondern auch in einer Prosa darbietet, die an Klarheit kaum zu überbieten ist, macht diesen Roman zu einem tragenden Element seiner amerikanischen Mythologie.

* T.C. Boyle: Die Frauen. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum und Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag. 559 Seiten. € 24.90

[Frank Barsch, 5/2009]

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