Böse Welt

Es gibt eine Literatur, die etwas Gutes will und genau deshalb nichts erreicht. Juli Zeh entwickelt sich zu einer Spezialistin für solche Fälle. In ihrem neuen Buch entführt sie uns in die Mitte des 21. Jahrhunderts und wir landen in einer prächtigen Gesundheitsdiktatur. Hier sind richtige Ernährung und sportliche Betätigung Pflicht. Jedes Verhalten gegen den "Gesunden Menschenverstand" wird mit Verwarnungen und Strafen geahndet. Die Nachbarn schnüffeln der kleinsten Spur von Tabakgeruch hinterher, Ärzte kontrollieren die Blutwerte und Juristen sorgen für Ordnung. Eigentlich klar, dass Mia Holl da nicht mehr mitmachen will. Sie raucht eine Zigarette und kommt ziemlich schnell in den Verdacht zur R.A.K. zu gehören, einer Terroristengruppe, die für ein Recht auf Krankheit kämpft.

Selbst Juli Zehs schöne Sprache ändert nichts daran, dass man sich fühlt wie in einem großen bösen Bioladen, in dem das Angebot ungefähr so interessant ist wie in der DDR: Die Opportunisten sind opportunistisch, die Ärzte herzlos, die Bösen intelligent und verschlagen. Nur Mia Holl ist von allem das Gegenteil. Und da man von Anfang an weiß, dass das nicht gut ausgehen wird, hat diese Welt nicht mal etwas Bedrohliches.

Mias Prozess ist dann eine lange Diskussion über das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Aber auch die lässt nicht das Gefühl aufkommen, hier, wie der Klappentext verspricht, mit "höchst aktuellen Fragen" konfrontiert zu werden. Denn Zehs Figuren taugen nicht als Träger von Fragen, weil sie nur aus einem Grund existieren: Fragen zu verkörpern.

[Frank Barsch MEIER 5/2009]

 

 

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