Das deutsche Feuilleton feiert den spanischen Autor Rafael Chirbes gern als einen der größten Gegenwartsautoren seines Landes. Chirbes wiederum hält sich für jemanden, den in Spanien kein Mensch kennt. Weshalb? Der Autor beschreibt den spanischen Literaturbetrieb als korrumpiert, penibel darauf ausgerichtet, einige wenige Namen groß herauszubringen und die anderen unter den Tisch fallen zu lassen. Ein kritischer politischer Autor wie er hätte dort keine Chance. Das ist gewiss ein bisschen übertrieben, sonst wäre Chirbes’ Roman “Krematorium” kaum mit dem Spanischen Nationalpreis 2008 ausgezeichnet worden. “Krematorium” ist das groß angelegte Gesellschaftspanorama, mit dem man rechnen durfte. Es enttäuscht nicht eine Zeile lang, stilistisch nicht, denn die poetische Kraft, die Chirbes’ sorgsam geschwungene Bandwurmsätze entfalten, haben bald so viel mit Musik zu tun, dass man sie am liebsten singen möchte. Inhaltlich natürlich auch nicht: Chirbes lässt einen Chor anstimmen. Es ist ein vielstimmiger Familien- und Freundeschor schmerzhafter Erinnerungen, stimmlich angeführt vom Familienoberhaupt Rubén, der als korrumpierter Großbauunternehmer ein Leben in Wohlstand führt, dafür aber einmal seine politischen Ideale verraten musste. Wofür ihn wiederum die Familie verachtet, allerdings nicht ohne von seinem Reichtum zu profitieren.
[Michael Saager 03/09]

Rafael Chirbes: Krematorium. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kunstmann. 428 Seiten. €22.–

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