Mit 10.000 Euro ist der Neue Deutsche Jazzpreis der höchstdotierte Jazzpreis für professionelle Bands. Das letzte Wort hat das Publikum, wenn die drei Finalisten gegeneinander antreten. In diesem Jahr hörte eine Fachjury 206 anonymisierte Bewerbungen, Kurator Joachim Kühn wählte drei “Sieger” aus. MEIER sprach mit ihm.
MEIER: Als Juror des Neuen Deutschen Jazzpreises hatten Sie die schwierige Aufgabe, aus 14 Kandidaten drei Finalteilnehmer zu bestimmen. Bei anonymisierten Bewerbungen kann man sich ganz schön in die Nesseln setzen, oder?
Joachim Kühn: Wieso das denn?
MEIER: Na, wenn man eine Berühmtheit und einen guten Freund rauswählt, weil man sie oder ihn nicht erkennt.
Kühn: Berühmt oder nicht, das hat meistens mit der Musik nichts zu tun. Aber es ist gewiss keine leichte Aufgabe, wobei ich ja nur noch über einen Bruchteil der Bewerber entscheiden musste. Aber man muss sich schon etwas Zeit nehmen und die Musik mehr als einmal hören, um nicht vorschnell zu urteilen. Die schnelle Nummer ist nicht mein Ding, ich hab’ das schon ernst genommen.
MEIER: Gibt es denn Kriterien, nach denen man urteilen kann?
Kühn: Meine Auswahlkriterien waren, was den Jazz wirklich ausmacht: höchste Kreativität und Originalität. Okay, der Jazz ist nicht mehr das, was er vor 50 Jahren einmal war, aber teilweise ist er mittlerweile auch zu weit gefächert. Es gibt ja heutzutage auch diesen Pop-Jazz, was für mich ein Widerspruch in sich selbst ist. Jazz und Pop schließen sich aus! Man sollte nicht über einen vorgefertigten Rhythmus improvisieren. Der andere Musiker sollte immer in der Lage sein, auf die Erfindungen seines Kollegen zu reagieren. Das macht den Jazz ja gerade aus. Auch kann der Jazz nicht nur Schönklang sein, sondern muss ein bisschen aggressiv, ein bisschen Kampf gegen das Establishment sein. Natürlich muss Schönheit sein, aber nicht um jeden Preis und nicht zur Unterhaltung. Man kann zwei Arten von Jazz unterscheiden: Jazz, der unterhalten will, und Kunst-Jazz, der der Klassik gleichgestellt sein will. Da habe ich angesetzt – und alles rausgenommen, was nach Bar-Jazz oder Pop-Jazz klang. Ich habe gefragt: Wo ist das Neue, wo ist das Kreative?
MEIER: Sind Sie im Nachhinein mit Ihrer Auswahl zufrieden?
Kühn: Als ich die Namen erfuhr, war ich schon etwas überrascht. Carsten Daerr ist ein sehr guter und origineller Pianist und verdient es auf jeden Fall, in Deutschland noch etwas bekannter zu werden. Angelika Nescier kenne ich schon viele Jahre, ich habe immer gemocht, was sie spielt, weil sie auf der Suche nach Neuem ist. Philipp Köster hat mir auch sofort sehr gefallen, sehr eigenständig und ungewöhnlich, was er macht. Da war sofort klar, dass er ins Finale gehört.
MEIER: Ist es denn überhaupt interessant für Sie, sich anzuhören, was der junge Jazz so treibt?
Kühn: Absolut! Ich bin ja ein Fan der Jugend. Ich bin da auch, soweit es meine Zeit erlaubt, sehr neugierig. Es gibt da hervorragende Musiker, klar. Ich bin gerne bereit, junge Musiker zu unterstützen, ihre Vision zu entwickeln. Und wenn einer keine Vision hat, ist er beim Jazz eigentlich falsch.
MEIER: Wie schätzen Sie die Bedeutung des Neuen Deutschen Jazzpreises ein? Kühn: Ich finde diesen Preis immens wichtig, weil hierzulande immer noch ausländische Acts besser promotet werden. Drei junge Bands bekommen jetzt die Möglichkeit, sich einem interessierten Publikum zu präsentieren. Und das Preisgeld reicht ja auch noch, um eine CD zu produzieren oder sich Instrumente zu kaufen.
Interview: Ulrich Kriest – aus der MEIER Ausgabe Februar 2009




