Gnadenlos und bitterkomisch durchleuchtet Heinz Strunk im neuen Roman eine Pubertät im glorreichen Jahr 1977.  

Ein seltsamer Schriftsteller ist er schon, der Heinz Strunk. Mit “Fleisch ist mein Gemüse” hat der Hamburger einen Überraschungshit gelandet. Schräg, aber genial, da gab es keine zwei Meinungen und keine Schublade, in die das Werk passte. Jetzt legt er nach, mit seinem jugendlichen Helden Thorsten Bruhn. Schon, dass der aus sozial schwachen Verhältnissen stammt, muss man im deutschen Literaturbetrieb als Provokation auffassen. Eine Unterschreitung der Kleinbürgergrenze. Und das noch kombiniert mit  Sexualität: bizarr, schmuddelig! Aber der Perversionen nicht genug. Strunks Feuchtgebiet liegt in Scharbeutz, Ostsee. Kenner der Szene wissen, was es bedeutet, dort eine christliche Sommerfreizeit mitzumachen, bei der eine Handvoll hormonell gesteuerter Jugendlicher so was wie Urlaub erleben sollen. Aber zur Geschichte. Der Tagesablauf pendelt sich ein, zwischen Morgenandacht, Tischgebet, Schlimme Augenwurst, Gottesdienst, Abendandacht und dem,  was bei Thorsten so unter der Gürtellinie passiert.  Irgendwie weiß er noch nicht so recht, was er geiler finden soll: das Riesenteil von Andreas oder die Glocken von Susanne. Aber egal. Außer Kopfkino und Verstopfung läuft erstmal gar nichts. Man könnte auch sagen, Thorsten sei anal fixiert, weil er doch etwas exzessiv über seine Verdauung und die damit verbundene Körperöffnung nachdenkt. Lesern, die Furz- und  Fäkalszenen nicht für literaturwürdig halten, kann man von der Lektüre nur abraten. Aber auch die mit einem erweiterten Literaturbegriff könnten Schwierigkeiten beim Lesen bekommen. Denn schon das erste Kapitel kann zu Krämpfen führen und einem die Tränen in die Augen treiben. Lachtränen, Lachkrämpfe. Heinz Strunk: der Daniel Kehlmann des kleinen Mannes!
[Frank Barsch 03/09]

Heinz Strunk: Fleckenteufel. Rowohlt Verlag. 220 Seiten. €12.–

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