MEIER: Herr Garrett, darf man Mozart auf dem iPod hören?
David Garrett: Absolut. Überall und immer. Wer sagt, Musik vom MP3-Player klinge scheiße, übertreibt maßlos.
MEIER: Sie wollen junge Leute für klassische Musik begeistern.
Garrett: Ich begreife das nicht als meine Mission. Es ist doch Aufgabe jedes Musikers, ob er nun Rock, Pop, R’n’B oder Klassik spielt, junge Leute dafür einzunehmen. Ich wünsche mir eben, dass mir auch Leute aus meiner Generation zuhören.
MEIER: Aber legt eine 17-Jährige nach einem Garrett- Konzert Beethoven auf?
Garrett: Warum nicht? Tatsache ist, dass auch zu meinen rein klassischen Konzerten viele junge Leute kommen. Ich glaube schon, dass ich da eine Begeisterung wecken kann. Das geht nicht immer schnell, aber ich versuche es wenigstens.
MEIER: Was ist Ihnen wichtiger: Klassik oder Crossover?
Garrett: Beides ist für mich, auch emotional, unglaublich wichtig. Ohne die Klassiker als Grundlage wäre Crossover nicht möglich. Andererseits ist Crossover für viele Leute der Türöffner zur Klassik.
MEIER: Es wirkt aber, als hätten Sie auf der Bühne beim Crossover mehr Spaß.
Garrett: Das ist der äußeren Form geschuldet. Einen Mozart darf man nicht verhunzen und wild auf der Bühne umherspringen. Diese Musik ist perfekt, so wie sie geschrieben wurde. Das will ich nicht zerstören, indem ich mich in den Vordergrund stelle. Beim Crossover tobe ich mich dann eben aus.
MEIER: Vergeuden Sie mit den Crossover-Sachen nicht Ihr Talent?
Garrett: Die meisten meiner Konzerte sind rein klassisch. Ich arbeite doppelt so hart wie jeder andere in diesem Geschäft. Ich habe es mir verdient, diese Musik zu machen. Sie ist Teil meiner Persönlichkeit.
MEIER: Viele haben Ihnen vor “Virtuoso” von einem Crossover-Album abgeraten. Wie war es diesmal?
Garrett: Dieses Mal traute sich keiner. (lacht) Auch die Klassik-Plattenfirma nicht. Die sind ja auch froh, wenn sie Geld verdienen. Wenn es nicht gut läuft, motzen die zwar, aber das ist mir dann egal.
MEIER: Sie sind oft sehr flapsig, fluchen auch mal im Fernsehen. Als Kind waren Sie sehr steif. Woher kommt die neue Lockerheit?
Garrett: Ich habe damals vor dem Reden lieber zweimal überlegt. Mittlerweile vertraue ich mir selbst mehr und sage offen, was ich denke. Das ist dann natürlich sehr viel spontaner. Und ehrlicher.
MEIER: Ehrlich ist auch die Widmung in Ihrem Album: “Ich habe Dich noch nicht aufgegeben.” Eine Verflossene?
Garrett: Ja. Ich mochte sie sehr, aber man kriegt nicht immer, was man will. Das ist hart. Es lehrte mich, dass ich nicht auf alles Einfluss habe. Wenn ich viel übe, spiele ich besser. Bei Beziehungen ist das nicht so einfach.
MEIER: Sie hängen noch immer an dieser Frau?
Garrett: Wenn man mal richtig verliebt war, hängt man lebenslang an diesem Gefühl. Verliebt sein ist ja fantastisch. Aber umso härter ist, wenn es nicht erwidert wird. Ich versuchte, mich zu verändern, wollte dem Mädchen gefallen. Aber es half nichts, und irgendwann muss man es dann realistisch betrachten.
MEIER: “Ich habe Dich noch nicht aufgegeben” klingt aber wenig realistisch.
Garrett: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
MEIER: Wurde Ihnen schon nahe gelegt, offiziell Single zu bleiben?
Garrett: So wurde es nicht formuliert. Mein Manager meinte nur, ich solle die Widmung nicht ins Booklet schreiben. Aber da tue ich dann schon, was ich will.
MEIER: Sie sind mit 18 Jahren gegen den Willen Ihrer Eltern an die Juillard School of Music in New York gegangen. War das eine Befreiung?
Garrett: Absolut. Das war meine erste eigenständige Entscheidung. Aber ich wusste: Entweder ich mache noch ein paar Jahre so weiter, als ewiges Wunderkind, und habe keinen Spaß – oder ich versuche, meinen eigenen Weg zu finden. Dennoch war es hart. Man muss schon ein Arschloch sein, um urplötzlich zu seinen Eltern zu sagen: “So, ich bin jetzt weg.”
MEIER: In den USA fingen Sie bei Null an.
Garrett: Ja, auch mit Manager und Plattenfirma hatte ich gebrochen. Ich brauchte Objektivität. Eltern erzählen ihren Kindern ja immer: “Du bist großartig.” New York war ideal, denn in Itzhak Perlmans Klasse waren viele gute Geiger. Irgendwann wusste ich: “Hey, ich bin echt gar nicht so schlecht.”
MEIER: Man sagt, Sie hätten in den U-Bahn-Schächten Manhattans gespielt.
Garrett: (lacht) Das ist ein Mythos. Aber ich musste meinen Unterhalt und die Studiengebühren selbst finanzieren. Ich habe sogar geputzt – auch Toiletten.
MEIER: Was gab’s da pro Stunde?
Garrett: 6,50 Dollar.
MEIER: Stehen Ihre Eltern heute hinter Ihnen?
Garrett: Es gibt eine gewisse Distanz. Meine Crossover- Projekte halten sie für falsch, ohne ihnen je eine echte Chance gegeben zu haben. Auch jetzt, wo ich Erfolg habe, sagen sie: “Wir wissen das besser als du.” Das ist natürlich schade. Aber wir kommen miteinander aus.
Interview: Sebastian Riemer - aus der MEIER Ausgabe Januar 2009.




