Zur globalen Party nach Berlin

Pop-Musik ist ja, so paradox es auch erscheint, aus den Massenmedien verschwunden. Im TV findet die Kunstform, die in den letzten 40 Jahren maßgeblich zur individuellen Sozialisation der Gesellschaft beigetragen hat, schlichtweg nicht statt. Das Radio reduziert sie auf Dudelfunk und Werbejingle. So hat sich das Reden und Schreiben darüber auch in Feuilletons, Fachzeitschriften und Cultural-Studies-Reader verflüchtigt.

Mit "Lost and Sound" hat der Journalist Tobias Rapp einen neuen Anlauf genommen, um das Genre Popdiskurs wiederzubeleben. Und es ist ein gelungener Wurf. Formal schmiegt sich das Buch dabei ganz an seinen Gegenstand. Es beginnt mit einem Ausgehwochenende in Berlin, das am Mittwochabend anfängt und irgendwann am Montag endet. Um diese Erlebniszeit strukturiert Rapp seine Texte über "Berlin, Techno und den Easyjetset". Dazwischen wechseln sich Interviews, Reiseberichte und Beiträge anderer Autoren ab. Manchmal franst das aus und er verliert seine Themen. Gewiss wäre eine tiefere Beschäftigung mit dem Phänomen "Easyjetset", also der Masse von Clubpeople, die fürs Wochenende mit den Billigfliegern aus ganz Europa in Richtung Berlin durchstartet, interessant gewesen. Ja, und an einigen Stellen unterliegt der Partygänger Rapp dann auch einfach der Magie der Technowelt im Bermudadreieck der Clubs Watergate, Berghain und Weekend. Heizt also auch kräftig die Hype-Maschinerie mit an. Damit ist "Lost and Found" eben auch beides geworden: Popdiskurs für Aficionados und Sehnsuchtsführer für Touristen.

[Christian Finkbeiner]

Tobias Rapp: Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset. Suhrkamp. 268 Seiten. € 8.50

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