Vom Teeniestar zum Erzähler

Mit den jungen Talenten ist es im deutschen Literaturbetrieb ja so eine Sache: Erst feiert die gesamte Kritik einen Debütanten oder eine Debütantin als große Hoffnung, um dann beim zweiten oder dritten Buch ganz heftig zuzuschlagen und bitterste Enttäuschung zu verbreiten. Wie viele Talente auf diese Weise schon in eine üble Verkrampfung hineingetrieben wurden, möchte man gar nicht wissen. Benjamin Lebert gehört zum Glück nicht dazu. Sein vierter Roman hat noch immer diesen jugendlich-lockeren Erzählton und wirkt, von einigen kitschigen Ausrutschern abgesehen, richtig erwachsen.

"Flug der Pelikane" besteht aus zwei Geschichten, die der 27-jährige Lebert aus zahlreichen Perspektivwechseln und verschiedenen Zeitebenen raffiniert komponiert. Anton ist auf der Flucht. Beziehungsflucht. Als ihn seine Freundin sitzen lässt, packt er seinen Koffer und haut ab. Er landet in einem Luncheonette in New York, das Jimmy, der Exfreund seiner Mutter, betreibt. Und Jimmy hat einen Spleen: Er behauptet, drei für Tod erklärte Alcatraz-Ausbrecher seien mit einem aus Regenmänteln zusammengenähten Schlauchboot der eiskalten Meeresströmung vor San Francisco entkommen und dann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten untergetaucht.

Am Ende erfährt man natürlich, woher Jimmy das weiß. Aber es ist nicht allein diese spannend vor sich hinfließende Geschichte. Leberts Buch hat seine schönsten Momente, wenn er das Lebensgefühl von New York beschreibt und die Leute, die sein Erzähler dort trifft. Denn Lebert kann nicht nur genau beobachten. Manchmal schaut er auch in einer Tiefe hinter die Dinge.

* Benjamin Lebert: Flug der Pelikane. KiWi. 186 Seiten. € 14.95

[Frank Barsch]

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