Der Mundart-Rebell im MEIER-Interview

„Macht de Kurpälzer die Gosch uff, kummt audomadisch Kultur raus“ - das ist Christian Habekosts Credo, mit dem er seit bald 20 Jahren die Leute zum Lachen und Nachdenken bringt. Anlässlich mehrerer Auftritte im Juli hat MEIER-Redakteur Ingo Wackenhut sich mit Habekost über Rebellentum, Dialekt und hysterische Lacher unterhalten. Wir haben das Interview überwiegend in Mundart geführt, aber nicht durchweg übersetzt. Sorry, Ihr Preußen da draußen.

MEIER: Sie hängen sich gern das Guerillero-Etikett um, und die Chako Music Show-Band heißt Los Rebeldes Orquesta. Wie rebellisch sind Sie denn wirklich?

Christian Habekost: Da muss man unterscheiden: Wie rebellisch bin ich auf der Bühne und wie rebellisch in meiner politischen Einstellung. Ich bin schon der Meinung, dass wir in einem ungerechten Gesellschaftssystem leben und dass es ein System geben muss, das gerechter wäre. Und um das zu erreichen, braucht es schon ein gewisses Rebellentum. Aber ich habe natürlich über die Jahre gelernt, dass ich Kompromisse machen muss, wenn ich als Comedian einigermaßen populär sein will. Du kannst die gutbürgerliche Gruppe im Publikum nicht dauernd so verschrecken, dass se nimma kumme. Deswegen ändere ich aber meine Meinung nicht. Auf der Bühne muss man das so verpacken, dass die Leute kurz schlucken, lachen, und dann heimgehen und denken: hä, was hodd der jetzt gsacht? Des war doch glaawisch ziemlisch hart. Das wirkt viel mehr, als wenn man mit der geballten Faust auf die Bühne kommt.

MEIER: Es ist im Kabarett schon seltsam, dass die Leute oft lachen, obwohl man z.B. auf Kosten ihrer ewigen neoliberalen Prinzipien Witze macht ...

Habekost: Genau. Ich fühl mich da ein bisschen als Hofnarr. Zum Beispiel bei der Eröffnung des neuen Rosengartens, da war sogar der Oettinger dabei. Was konnte man da alles falsch machen! Und überhaupt die politische Korrektness. Die Deutschen sind schon speziell, wenns um Satire geht. Man muss das vorbereiten, damit manchen Leuten klar ist: das sagt jetzt nicht Christian Habekost, sondern die Figur. Habt Ihr verstanden liebe Kinder? Dann fangen wir jetzt an.

MEIER: Sind wir Deutsche da tatsächlich besonders bescheuert?

Habekost: Ich glaube schon. Durch dieses leicht verkrampfte Umgehen mit unserer Geschichte. Die ist ja auch ein einziger Krampf, jedenfalls bis 1945. „Darf ich darüber lachen, ist das erlaubt?“ - das haben andere Nationen nicht so.

MEIER: Obwohl Ihr aktuelles Programm „MundARTacke“ schon zwei Jahre läuft – ein bisschen ist es mit seiner Turbokapitalismus-Kritik doch das Programm zur Krise, oder?

Habekost: Das Programm zur Krise ist es auf keinen Fall. Dazu müsste noch viel mehr gesagt werden. Das gelingt mir hoffentlich mit dem neuen Programm, das im Februar rauskommt. Aber weil ich natürlich schon ein Systemkritiker bin und überzeugt, dass dieses System zum Untergang führt, fülle ich einzelne Nummern aktuell auf. Wenn ich zum Beispiel jetzt erzähle: Wir werden verarscht, wenn man uns sagt, die Bundeswehr ist in Afghanistan nur um Brunnen und in der Nas zu bohren. Das ist ok, da wird gelacht. Aber das: Es sagt dir jemand, du kannst auf die Bank gehen und Geld holen, dann kommst du hin und dort ist keins mehr - dann erfriert den Leuten das Lachen, weil sie genau davor momentan am meisten Angst haben. Ich würde zur Zeit auch keine Nummer über Schweinegrippe machen. Da kann noch keiner lachen. In einem Jahr vielleicht, wenn alle gemerkt haben, dass das völlig geheipt war.

MEIER: Als linker Ex-Akademiker machen Sie sich schon lange Gedanken über die Überflussgesellschaft. Fühlen Sie momentan Rückenwind oder kommt der erst, wenns uns richtig ans Leder geht?

Habekost: Das Dilemma ist ja das: Uns geht’s eigentlich ziemlich gut. Als Revolutionär muss man aber hoffen, dass das Ganze kippt, damit wir von Grund auf eine neue gerechte Gesellschaft aufbauen können. Dazu müsste es uns aber erstmal richtig schlecht gehen. Und das will natürlich keiner. Und je älter man wird - ich bin ja jetzt auch schon über 40 - desto weniger will man das. Man hat ja auch ein bisschen was angehäuft. Früher wär ich bei jedem Nazi-Aufmarsch auf die Straße gegangen. Heut denk ich mir, sollen doch erstmal die Jungen hin, die können besser rennen. Nee, aber im Ernst: um gegen Nazis auf die Straße zu gehen, darf sich keiner zu alt sein. Ich sag immer „Kapitalismus macht dann Spaß, wenn du Geld hast“. Und das fängt bei mir jetzt auch schon an.

MEIER: Sie fühlen sich also schon ein bisschen korrumpiert?

Habekost: Ich bin korrumpiert! Aber ich geh offensiv damit um. Ich bin ja Vegetarier, und früher als ich noch geraucht hab, sagten die Leute: du als Vegetarier rauchst. Sag ich: ja, stimmt, ich bin schwach. So ähnlich ist das mit dem Kapitalismus auch. Am liebsten wäre es mir aber, wenn alle Menschen das sagen könnten – dann hätten wir's geschafft.

MEIER: Wie ist denn der Stand der Dinge in Sachen Chako und das Fernsehen?

Habekost: Naja, das ist vielen Kollegen extrem wichtig. Ich hab das ein paar Jahre hechelnderweise probiert. Und dann kamen ja auch ein paar gute Sachen, Hallervorden, Ottis Schlachthof, Jürgen von der Lippe und so. Aber es macht mir einfach keinen besonderen Spaß: innerhalb von drei Minuten was abzuliefern, und dann wars das. Und ich habe auch immer gedacht, ich muss mich mit meinem Dialekt verbiegen. Ne, das ist einfach nicht mein Ding. Mit meinem heftigen, dichten Stil von Comedy musste ich immer kämpfen in diesem Medium. Und dazu hatte ich dann irgendwann keine Lust mehr. Erst recht, weil es hier in der Region mit den Auftritten so granatenmäßig abgegangen ist.

MEIER: Apropos Dialekt, wie geht das denn außerhalb der Kurpfalz?

Habekost: Wenn ich z.B. in Berlin bei den Wühlmäusen bin, dann mach ich einen kleinen Vorspann, erzähle, wo ich herkomme, was für einen Dialekt man da spricht. Und dann finden mich die Leute exotisch. Auswärts spreche ich natürlich deutlicher, sozusagen dialektal ein bisschen gedämpfter.

MEIER: So eher kohlisch ...

Habekost: ... genau, ein bisschen langsamer, und ab und zu erklär ich mal was. Dann gehen die auch ab. Man muss sowieso ganz fein drauf achten, wie man den Dialekt benutzt. Man sollte die Klischees nicht bedienen, sondern mit ihnen spielen, sie brechen und damit ja auch widerlegen. Stelle ich mit dem Dialekt genau die Typen da, die die Außengewärtigen sowieso im Kopf haben, bringt das wenig. Aber wenn ich es schaffe, z.B. den klassischen Schobbetrinker als Philosoph darzustellen - das verblüfft die Leute.

... Ältere Dame am Nebentisch telefoniert: "Wir sitzen hier neben dem großen Dürkheimer Fass..."

Habekost (hat gelauscht): So jetzt hast du mitgekriegt, wie man recherchiert. Das war jetzt zwar nicht der absolute Brüller, awa so kummschd uff guude Sache.

MEIER: Was machen Sie denn, wenn die Leute so hysterisch über alles drüberlachen?

Habekost: Ich ärgere mich da schon manchmal ein bisschen. Am liebsten würd ich dann abbrechen und den Leuten erzählen, wieviel ich an den Texten geschafft hab. Hey Leute, da ist soviel drin, die sind so dicht, da müsst ihr jetzt dosiert lachen. Awa dess kannschd jo net mache (lacht). Ich freu mich ja auch, wenn die Leute lachen. Es gibt Kollegen, die haben alle paar Meter eine Pointe und auf der lümmeln sie sich ganz arg, bis auch dem letzten klar ist, dass das jetzt eine Pointe war. Anschließend geht’s dann wieder ein paar Meter weiter zur nächsten. So bin ich halt net. Und ich hab das inzwischen auch als kapitalistisches Argument - deswegen bin ich ja so reich: die Leute kommen zu mir mindestens zweimal, weil sie beim ersten Mal nicht alles mitgekriegt haben. Aber im Ernst: ich nehm dann schon das Tempo raus. Immer funktioniert das allerdings nicht, dann loss ich se halt durchlache.

MEIER: Mol noch was ganz anneres. Wie war denn das mit den Trailern zur MM-Kampagne mit den „Anzeigen des Monats“? Und überhaupt, darf man als linker Comedian Werbung machen?

Habekost: Des is ganz ääfach. Mir macht es extrem Spaß zu schauspielern. In jedem guten Comedian steckt schließlich auch ein Schauspieler. Auf der Bühne spiel ich ja nicht viele Figuren, eigentlich nur den alten Weinfestbesucher. Deshalb hab ich das sehr genossen, mal gleich zwölf Figuren spielen zu können. Das hat mich extrem gereizt.

MEIER: Und die Radiowerbung für eine große Mannheimer Brauerei?

Habekost: Da steh ich mit meinem Lokalpatriotismus voll dahinter.

MEIER: Aber viel genutzt hat's auch nicht ...

Habekost: Doch schon, die haben jedenfalls für das Bier des Jahres, für das ich geworben habe, mehr Umsatz eingefahren, als sie erwartet hatten. Aber was das fürs gesamte Unternehmen heißt ...

MEIER: Naja, das können Sie ja nicht allein stemmen!

Habekost: Genau, ich bin ja kein Milliardär, der do ab und zu mol was neischieße kennt.

Interview: Ingo Wackenhut

 

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