Das neue Festival palatia classic
Im März wurde er wider Willen in Pension geschickt, ohne dass das Speyerer Domkapitel eine vernünftige Nachfolgeregelung getroffen hätte. Auch die eigentlich unverzichtbaren Internationalen Musiktage Dom zu Speyer fallen in diesem Jahr aus, so dass wir doch ein bisschen hämisch gegrinst haben, als wir erfuhren, dass der frühere Speyerer Domkapellmeister Leo Krämer nun zusammen mit Yvonne Moissl von palatia jazz ein Klassikfestival ins Leben ruft, das sowohl programmatisch wie hinsichtlich der musikalischen Akteure in vier neuen Festivalensembles an „große“ Speyerer-Musiktage-Zeiten anknüpft.
Orte des Geschehens der acht Konzerte zwischen August und Dezember sind in Speyer die Dreifaltigkeitskirche und der Alte Stadtsaal, die Villa Ludwigshöhe in Edenkoben, das Deidesheimer Weingut Reichsrat von Buhl und die Klosterkirche in Eußerthal. Zu hören gibt es Musik von Bach bis Mendelssohn, dessen 200. Geburtstag hier zentral begangen wird. Im Gespräch mit MEIER überzeugte uns Leo Krämer, dass er nicht alten Zeiten hinterhertrauert, sondern mit frischem Wind in die Zukunft segelt.
Rache ist süß – empfinden Sie eine gewisse Genugtuung dem Domkapitel gegenüber?
Man könnte das denken, aber was wir jetzt hier kreiieren, schwehlte ja schon über Jahre. Denn wir haben Palatia Classic nicht etwa aus dem Boden gestampft, weil es etwas anderes nicht mehr gäbe. Ich wurde immer wieder darauf angesprochen, ob ich nicht Programme der Musiktage anderswo in der Pfalz spielen könnte. Und wir hatten auch schon Konzerte außerhalb von Speyer, etwa ein fulminantes open air mit den Petersburger Philharmonikern in Burrweiler im Weingut Messmer. Bei den Musiktagen mit der Stadt Speyer als Veranstalter war es natürlich ausgeschlossen, dass die Musiktage ständig auswärts spielen.
Wann hatten Sie denn konkret die Idee zu dem neuen Festival?
Das war vor zwei Jahren – und zwar völllig unabhängig von den Musiktagen - bei den Vorbereitungen zu unserem Auftritt mit Joachim Kühn bei palatia jazz 2008. Ich sagte damals zu Frau Moissl: Sie machen hier so ein tolles Jazzfestival, wie wäre es denn, wenn wir uns zu einem Klassik-Festival zusammentun würden. Und Sie erzählte mir, dass sie seit Jahren von so etwas träumt. Den letzten Anstoß gab uns dann das Mendelssohn-Jahr 2009 und die Tatsache, dass er mehrfach in Speyer war, aber auch in Deidesheim den Reichsrat von Buhl besucht hat, worüber er ausführlich schreibt.
Wie kam es denn zu dem Entschluss, das Festival zeitlich doch recht weit auseinanderzuziehen?
Das hat sowohl organisatorische wie inhaltliche Gründe: Wir wollten z.B. in Eußerthal in der Klosterkirche nach Jahren wieder an unsere früher einmal traditionellen Weihnachtskonzerte anknüpfen (auch um Mendelssohn grandiose Weihnachtsmusiken aufzuführen), aber eben auch auch open air, also im Sommer spielen.
Um ein zeitlich konzentriertes Festival ging es Ihnen also gar nicht.
Nein, wir wollten keine tagtägliche Konzertfolge anbieten. Und wenn dieses erste Festival nun Anklang findet, werden wir es sogar zeitlich eher noch ein bisschen ausdehnen. Uns geht es um ein Klassikfestival, das auf die Situation der Region, für die es gedacht ist, eingeht.
Dass der Dom nicht dabei ist, tut Ihnen nicht besonders weh?
Nein, davon kann überhaupt keine Rede sein. Auch die Programme wären – außer dem „Paulus“ - gar nicht für den Dom geeignet. Das sehen wir ganz ruhig und mit Gelassenheit.
Wer verbirgt sich denn konkret hinter den klangvollen Ensemblenamen? Sind im „palatia classic-Vocal“ Ensemble beispielsweise auch Leute aus dem Domchor, dessen Chef sie so lange waren?
Das auch, aber es handelt sich im wesentlichen um die Besetzung, die ich für das Projekt mit Kühn zusammengestellt hatte. Damals stand das Mendelssohn-Jahr schon vor der Tür, und ich sagte den Sängern, dass das nur der Anfang sein würde. Zusammen mit meinen saarländischen Chören kann das Ensemble nun erweitert werden bis zur großen Oratoriums-Besetzung.
Und wie stehts mit alten Instrumenten bei palatia classic-Barock?
In der Kernbesetzung von palatia classic-Barock wäre das sogar möglich. Doch wir spielen diesmal auf modernen Instrumenten, fühlen uns aber natürlich der historisch informierten Aufführungspraxis stark verpflichtet. Ich bin auch ja der Meinung, dass die Kriterien, die wir von der Barockszene her kennen, zu Mendelssohns Zeiten noch voll wirksam waren. Da zieht sich stilistisch ein roter Faden von Bach über Haydn und Mozart bis zu Mendelssohn. Das ist auch bei der Kammerphilharmonie seit Jahren so, deren Kern die Saarland Sinfonietta prägt, mit der ich seit Jahren so arbeite.
Aber es geht auch um Musik für ungewöhnliche Räume …
Die Möglichkeiten, die wir hier in der Pfalz haben - die wunderbaren Schlösser, Villen, Kirchen, Säle oder Parks und Höfe für open air-Konzerte - sind enorm. Das übertrifft sogar die Voraussetzungen z.B. des Rheingau-Festivals – mit dem ich uns natürlich nicht in einen Topf werfen möchte. Was wir daraus machen, das wird zu Zukunft zeigen. Die räumlichen Voraussetzungen und die reizvolle Vielfalt der Region sind jedenfalls ein Riesen-Pfund.
Mendelssohn 2009 - da nehme ich mal an, dass 2010 Schumann auf dem Programm steht?
Naja, also die Vorliebe für bestimmte Themen kann auch eine Einengung bedeuten. Meine Prämisse, auch in all den Jahren der Musiktage, ist es, das Thema möglichst breit zu fassen. Denn die sogenannte Klassische Musik ist ja so weit gespannt und erfüllt so vielfältige Interessen beim Publikum - das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Man kann immer eine Spezialthematik darstellen, und dafür interessieren sich dann nur hundert Leute in einer Region. Das hat absolut seine Berechtigung. Aber wir wollen sozusagen die Region als Thema nehmen und daraus die Programme entwickeln und nicht irgendein ein Konzept darüberstülpen.
Und sie konnten einen prominenten Schirmherrn gewinnen ...
Das freut uns natürlich alle, dass der frühere Ministerpräsident Bernhard Vogel die Schirmherrschaft übernommen hat. Er wohnt ja in Speyer, ist ein großer Musikfreund und hat nicht zuletzt deshalb auch ein großes Interesse an unserer Thematik Mendelssohn, Speyer und die Pfalz.
Ingo Wackenhut
Info: 06326 967777, www.palatiaclassic.de




