Amerikanisches Psycho-Drama

William Heller, auch Lowboy genannt, ist gerade aus der Psychiatrie geflohen. Dort hat er 18 Monate verbracht. Jetzt irrt er durch die New Yorker U-Bahn, klettert in die Lüftungsschächte und schaut von unten zum Leben hinauf. Er ist davon besessen, die Welt, die er wegen Erdüberhitzung kurz vor ihrem Ende wähnt, zu retten. Zur Unterstützung seiner Mission hat der 16-Jährige seine Freundin Emily, die er vor eineinhalb Jahren vor eine U-Bahn schubste, vor der Schule abgefangen.

John Wray, der 38-jährige US-amerikanische Autor, von dem bereits "Die rechte Hand des Schlafes" auf Deutsch erschienen ist, beschreibt Lowboys Welt als abstruses Universum, das allein aus Chiffren, Codes und Symbolen besteht. Nur gut, dass Detective Ali Lateef ein Meister des Decodierens ist. Er ist als Profiler auf den Ausreißer angesetzt und versucht mit dessen Mutter, das kranke Familiensystem zu knacken. In langen Gesprächen erfährt er, dass Lowboy sich bereits als Kind auffällig benahm, sein Vater, ein bekannter Jazzmusiker, mysteriös ums Leben kam und die Mutter, eine eingewanderte Österreicherin, ihr spezielles Geheimnis hat.

Um es vorwegzunehmen: Etwas Positives kommt in John Wrays Roman nicht vor, abgesehen davon vielleicht, dass Lowboy und auch seine Mutter übermenschlich gut aussehen. Ihre Schicksale sind hoffnungslos und unendlich weit weg vom so genannten normalen Leben. "Clopazin", so sagt Lowboys Mutter einmal, "ist, als würde man in Glas gegossen." Und auch bei Wrays Figuren hat man das Gefühl, sie seien in Glas gegossen: irgendwie gut sichtbar, aber für den Leser unerreichbar.

 

* John Wray: Der Retter der Welt. Aus dem Amerikanischen von Peter Knecht. Rowohlt. 348 Seiten. EUR 19.90

[Astrid Möslinger]

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