Nachtleben in Belgrad

Experimentelle Literatur steht in den letzten Jahren recht selten im Fokus. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass trotzdem Titel auch außerhalb der Welt der Kleinverlage veröffentlicht werden. So wie das Debüt von Barbi Markovic. Die studierte Germanistin aus Belgrad konzipiert ihren Roman "Ausgehen" als einen Remix von Thomas Bernhards "Gehen" von 1971. Sie versteht sich dabei als DJane, die ein fertiges Musikprodukt aufnimmt und bearbeitet, um ein neues Stück zu gestalten, dem dem Ausgangsmaterial huldigt.

Markovic überträgt das Bernhardsche Gehen in Wien auf das Ausgehen im Nachtleben von Belgrad. Dafür wendet sie eine schlüssige Methode und einen eher beiläufigen Trick an. Dadurch, dass sie Personen und Schlüsselwörter ersetzt, erhält "Ausgehen" einen aktuellen Kontext. So wird aus dem "Spaziergang", dem "Selbstmord", der "Psychiatrie" gewitzt das "Clubbing", das "Comingout" und die "Glotze". Als verstärkenden Effekt fügt die Autorin immer wieder Listen von DJ-Tracks ein – nun ja. Aber der Ansatz funktioniert. Der Text liest sich wie eine lustvolle Abrechnung mit der heutigen Club-Szene.

"Ausgehen" ist ein feines Stück Aneignungskunst. Genau richtig für den Sommer, da es zu der Jahreszeit immer irgendwann zu einem Überdruss am Partyleben kommt, und es sich von Format und Umfang in jede Gesäßtasche schmiegt.

 

* Barbi Markovic: Ausgehen. Edition Suhrkamp. 96 Seiten. 12,00 €

[Christian Finkbeiner]

Kommentieren

Meine Informationen merken

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


Kann ich nicht lesen, neues Bild bitte.


Kommentare werden umgehend geprüft und erst dann freigeschaltet.

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Teilen |