Seltsam distanziert und doch ergreifend

Fünf nur lose miteinander verknüpfte Geschichten erzählen von Alice und sterbenden oder verstorbenen Männern. Ihr Ex-Freund Micha dämmert unter Morphium dem Tod entgegen. Conrad, vielleicht ein väterlicher Freund, befällt überraschend ein tödliches Fieber, als ihn Alice am Gardasee besucht. Richard in Berlin stirbt so etwas wie einen angekündigten Tod. Alices Onkel Malte hat sich vor ihrer Geburt das Leben genommen. Zuletzt verliert Alice ihren Lebensgefährten Raymond.

Über diese Männer und Alices Beziehungen zu ihnen erfährt man kaum etwas. Hermann spart es aus, vielleicht um die Lücke zu zeigen, die der Tod hinterlässt. Alice versucht ihnen in Erinnerungen nahe zu bleiben, und so handelt "Alice" weniger vom Sterben als vielmehr vom Zurückbleiben. Der Alltag geht einfach weiter. Der melancholische Ton, der bereits in Hermanns Erstling "Sommerhaus, später" angeblich typisch für die 1970er-Generation sein sollte, ist dabei völliger Desillusionierung gewichen. Als Alice zum Beispiel Raymonds Geruch in seiner Jacke sucht, riecht der Stoff "nach der Wohnung, nach Staub und Zuhause und einem bestimmten Waschpulver und sonst nach gar nichts".

Hermanns präziser und minimaler Erzählstil wirkt in "Alice" manchmal fast wie die Protagonistin: erschöpft und etwas angestrengt. Und doch findet Hermann in starken Passagen einen Ton und Bilder, die lange nachhallen.

* Judith Hermann: Alice. Verlag S. Fischer. 189 Seiten. EUR 18.95

[Thomas Niederbühl]

 

 

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