Stiller Thriller von Gerard Donovan

Julius Winsome ist einer dieser Holzhüttenbewohner im tiefsten Kanada. Sanft und abweisend zugleich. Naiv und wissend. Harmlos und gefährlich. Ein bisschen unwirklich. Ein Mensch, der von seinen Erinnerungen lebt und bisweilen sehr eigene, nur schwer nachvollziehbare Schlüsse zieht. Er ist niemand, mit dem man sich als Leser schnell anfreunden könnte, obwohl einem nicht viel anderes übrig bleibt – wir betrachten die Welt durch Julius' Augen.

Seit dem Tod seines Vaters vor 20 Jahren lebt Julius fast vollständig zurückgezogen; allerdings umgeben ihn 3.282 penibel durchnummerierte Bücher, die Julius von seinem Vater geerbt hat. Und dann ist da noch Julius' Pitbullterrier Hobbes, den er so sehr liebt, wie das wohl nur jemand kann, dem Menschen nicht viel bedeuten. Diese vom Autor über die Grenzen des Normalen getriebene Tierliebe ist wichtig für die Fallhöhe der Geschichte: Zuerst hört Julius einen Schuss, dann findet er seinen Hund, aus nächster Nähe erschossen. Und während man sich noch fragt, was wohl als nächstes passieren wird, ist man bereits Zeuge eines radikalen Rachefeldzuges.

Nein, "Winter in Maine" ist kein Thriller und auch kein klassischer Rache-Roman, dafür ist es ein zu stilles Buch. Es geht um die Verletzungen von Grenzen und das eigensinnige Wiederherstellen von Ruhe und Frieden. Dieser gestörte Frieden siedelt in einer Landschaft, der etwas ganz und gar Atmosphärisches eignet. Es ist eine Landschaft aus Nebel und Eiskristallen, aus Spuren im Schnee, Kälte und Stille. Um Hobby-Jäger, die aus reiner Lust am Jagen und Töten etwas erschießen, das nicht zurück schießen kann – um sie und ihre Feigheit geht es auch. Julius hasst diese Typen. Man kann ihn verstehen.

[Michael Saager]

Gerard Donovan: Winter in Maine. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. 208 Seiten EUR 17.95

 

 

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