Der Dirigent als Joystick
Der neue Mannheimer GMD Dan Ettinger / „Generalmusikdirektor“ – der Titel klingt reichlich angestaubt. Wenn man Dan Ettinger gegenübersitzt, verfliegt freilich jedePatina im Nu. Frisch erblondet und modisch gesträhnt, müde von seinem ersten Akademiekonzert mit Mahlers Zweiter, aber glücklich über den warmen Mannheimer Empfang plauderte der 38-jährige im MEIER-Interview frisch von der Leber weg und in charmantem deutsch-englisch über seine erstaunliche Karriere, die Freundschaft zu Daniel Barenboim und seine Mannheimer Pläne.
Meier: Was machen Sie in Mannheim in Ihrer freien Zeit?
Dan Ettinger: Welche freie Zeit? So etwas habe ich noch nicht. Wenn wir keine Proben haben, gibt es viele andere Termine. Aber irgendwann wird es das hoffentlich geben.
Meier: Sie sind von Haus aus Pianist und Sänger. Wie kam es zum Schritt aufs Dirgentenpult?
Ettinger: Ja, ich war ursprünglich Pianist, dann stand ich fast zehn Jahre als Bariton in Israel auf der Bühne und habe gleichzeitig aber auch immer korrepetiert. Irgendwann suchten sie an der Israel Opera nach einem Chordirektor. Man wusste schon, dass ich so etwas wie ein Hobby-Dirigent war, und man dachte, es könnte eine gute Idee sein, einen Sänger mit Dirigier-Ambitionen, der auch Klavier spielt, als Chordirektor einzusetzen. Für mich war aber bald klar: Wenn ich meine Gesangskarriere aufgebe, dann möchte ich auch wirklich dirigieren. Die „Chefs“ sind dieses Risiko eingegangen und sagten: ok, du bist unser Chordirektor, und ließen mich dann auch immer einige Vorstellungen der laufenden Produktionen dirigieren.
Meier: Und ab wann haben Sie sich dann als Dirigent gefühlt?
Ettinger: Sofort. Ich wusste auch gleich, dass ich das Singen aufgeben musste. Die Disziplin und das Training, die man als Sänger braucht, passen nicht zum Dirigieren.
Meier: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Berufung zum GMD in Mannheim Einfluss hat auf Ihre internationale Karriere?
Ettinger: Teils, teils. Auf der einen Seite werde ich natürlich aufgrund meiner musikalischen Arbeit gefragt. Aber die Stelle hat tatsächlich auch großes Prestige.
Meier: Sie hatten in Mannheim vor Ihrem Engagement ja nur eine einzige Vorstellung dirigiert, „La Traviata“, was sehr ungewöhnlich ist. Die Intendantin hatte damals eingeräumt, dass es im Orchester einen gewissen Groll gab, weil sie so schnell zugegriffen hat. Spüren Sie von diesem Groll noch etwas?
Ettinger: Das war tatsächlich so. Und auch ich sah für mich ein gewisses Risiko. Immerhin war es ja eine Entscheidung für drei, vier oder vielleicht sogar zehn Jahre. Aber ich habe schon bei dieser einen Probe und Vorstellung etwas ganz Spezielles im Kontakt zum Orchester gespürt. Und jetzt nach unserem ersten gemeinsamen Konzert bin ich persönlich wie professionell sehr begeistert. Sie sind so freundlich, aufgeschlossen und „willig“ zu arbeiten. Ich sehe uns schon jetzt ein bisschen als Familie.
Meier: Wie arbeiten Sie denn mit dem Orchester? Wird da viel geredet?
Ettinger: Nein, wir spielen, und oft rufe ich dazwischen – deshalb geht das auch mit dem Singen nicht mehr. Man sollte nicht so viel quatschen. Man hat heutzutage sehr wenig Probezeit, da ist gar keine Zeit zum Quatschen.
Meier: Sie werden im Frühjahr 2010 zusätzlich Chef des Tokio Philharmonic und dirigieren weltweit an den größten Häusern. Wie bringen Sie das alles mit Mannheim unter einen Hut?
Ettinger: Die Arbeit in Tokio ist nicht so umfangreich, viermal im Jahr eine Woche oder zehn Tage. Aber ich habe dann ja auch noch mein Orchester in Israel, das Israel Symphony Orchestra. Eventuell werde ich dort etwas reduzieren müssen, um vielleicht mehr Zeit für Tokio zu haben. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist allerdings so kompliziert wie ein Sudoku.
Meier: Und die Musik lernen Sie im Flieger …
Ettinger: (lacht) Ja, auch. Ich bin sowieso ein Letzte-Minute-Arbeiter. Auch wenn ich mir fest vornehme, eine Partitur Monate vorher zu studieren - es klappt nicht.
Meier: Sie sind weltweit gefragt. Warum binden Sie sich da ein Haus wie das Nationaltheater?
Ettinger: Es war so, dass ich zunächst einmal ganz klar gesehen habe, dass eine GMD-Stelle an diesem Punkt meiner Laufbahn sehr, sehr wichtig ist. Man hat ganz andere Verantwortlichkeiten und Perspektiven als beim Gastieren. Ich wollte herausfinden, ob das ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Und Mannheim ist ein hoch angesehenes Haus mit einer großen Tradition, sehr gutem Orchester und tollem Ensemble. Da hat mich jeder ermutigt. Mir ist Identität sehr wichtig, und der Einfluss auf den Orchesterklang, den Stil des Ensembles. Das dauert natürlich, aber es fasziniert mich, weil es fast so etwas wie eine Beziehung ist.
Meier: Das Nationaltheater-Orchester hat ja einen recht eigenen Sound. In welche Richtung möchten Sie ihn entwickeln?
Ettinger: Oh, das ist eine gefährliche Frage, denn das Orcherster hat eine sehr große Tradition in Repertoire, Stil und Klang. Ich bin von der Staatskapelle Berlin einen etwas anderen Klang gewohnt, vor allem bei den Streichern. Ich hoffe, mir gelingt die Balance, die Tradition des Orchesters beizubehalten und vielleicht etwas von meiner Klangvorstellung dazuzugeben. Was natürlich auch immer von den Stücken abhängig ist. Aber das Orchester ist wie gesagt sehr, sehr aufgeschlossen.
Meier: Die Intendantin beklagt zu Recht immer wieder, dass zu wenig Mittel für eine notwendige Vergrößerung des Opernensembles zur Verfügung stehen. Wie sehen Sie das?
Ettinger: Das ist auf jeden Fall richtig. Aber eine Vergrößerung ist in der momentanen Situation nicht einfach. Dieses Haus ist ja fast schon eine große Repertoire-Fabrik. Und ich weiß, dass die Stadt und das Publikum das Theater vergöttern. Das ist großartig. Ich hoffe, Sie verstehen, dass wir die entsprechenden Mittel brauchen, wenn wir ihnen geben sollen, was sie von uns möchten. Ich bin ja gerade erst angekommen und lerne diese Systeme erst kennen. Aber ich will da alles tun, was mir möglich ist.
Meier: Mit Gästen haben Sie aber kein Problem …
Ettinger: Nein, gar nicht. Das bringt immer wieder frischen Wind. Auch Dirigenten. Und das ist auch für das Publikum interessant. Aber wir haben ein hervorragendes Ensemble, das ordentlich beschäftigt werden sollte. Und Mannheim war, ist und sollte ein Ensembletheater bleiben. Auch hier geht es um die richtige Balance.
Meier: Die Spielzeit 2009/10 trägt womöglich noch nicht unbedingt Ihren Stempel. Wo möchten Sie hinsichtlich des Repertoires hin?
Ettinger: Es ist noch zu früh, dazu etwas zu sagen. Ich muss das Haus erst besser kennenlernen und auch die Mannheimer Theatergeschichte.
Meier: Carmen, Turandot, Titus sind Ihre Mannheimer Premieren in dieser Saison. Mit welchen Stücken werden wir Sie noch hören?
Ettinger: In dieser Spielzeit mache ich leider nur noch eine Wiederaufnahme: „Cosi fan tutte“ im April 2010.
Meier: Sie hätten ja schon einen „Maskenball“ dirigieren sollen, wieso kam es nicht dazu?
Ettinger: Das stimmt, aber wir haben beschlossen, dass es nicht sinnvoll ist, vor meiner ersten Neueinstudierung mit „Carmen“ eine Wiederaufnahme zu machen. Und als ich den Vertrag unterschrieben habe, war die Saison ansonsten schon sehr weit durchgeplant, auch in meinem Terminkalender. Ich bin darüber wirklich traurig, denn im Dirigieren des Repertoires liegt meine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. In der nächsten Spielzeit will ich dann auf jeden Fall eine ganze Reihe von Wiederaufnahmen übernehmen.
Meier: Ihr Mahler hat großen Jubel ausgelöst. Sind Sie ein Verführer?
Ettinger: Ich mache ja Musik für die Menschen. Natürlich auch für den Komponisten, für die Kunst an sich – und selbstverständlich für mich selbst. Aber es ist das Publikum, für das ich schwitze wie ein Schwein (lacht). Und wenn sie glücklich sind, bin ich es auch. Nach den Mahler-Konzerten war ich allerdings auch noch aus einem anderen Grund sehr glücklich. Ich habe so ein herzliches Willkommen, so einen begeisterten Empfang noch nirgendwo erlebt. Das hat mich glücklicher gemacht als alles andere. Immerhin ist das meine erste GMD-Stelle. Es ist auch das erste Mal, dass ich von Berlin in eine andere Stadt ziehe. Es ist ein ganz neuer Abschnitt in meinem Leben. Ich bin schon ein sehr sensibler Typ und lasse mich manchmal von Kleinigkeiten irritieren. Aber dieser warme Empfang war wirklich überwältigend.
Meier: Sie sind ja – wie wir sehen konnten - ein Mann der großen Geste, und auch auf so etwas reagiert ja das Publikum. Spielt die Optik beim Dirigieren für Sie eine Rolle?
Ettinger: Das kommt von selbst. Ich weiß gar nicht, was ich tue, bzw. wie das aussieht. Aber ich spüre hier im Nacken ganz stark die Energie zwischen Podium und Publikum. Wenn diese Energie zwischen Dirigent und Orchester stockt, dann merkt man sofort, dass auch im Publikum keine Spannung ist. Der Dirigent ist da so eine Art Joystick. Und auch das Publikum spürt die Energie des Dirigenten. Darum geht’s: um diesen Energiefluss.
Meier: Wie stehen Sie zur historisch informierten Aufführungspraxis, auch mit dem Wissen, dass in Mannheim historische Blechblasinstrumente und Pauken zur Verfügung stehen?
Ettinger: Ich bin ein Soundfreak. Und ich nehme sofort alte Instrumente, schon allein weil mich der Klang fasziniert. Allerdings halte ich wenig vom non vibrato der Streicher, jedenfalls ab Mozart. Das setze ich nur für spezielle Klangeffekte ein. Ich möchte Mozart nicht so spielen, wie er zu Mozarts Zeiten geklungen hat, sondern so, wie Mozart musizieren würde, wenn er unsere heutigen Möglichkeiten gehabt hätte.
Meier: Wie würden Sie Daniel Barenboims Rolle in Ihrer Biografie beschreiben?
Ettinger: Er ist mein Mentor, sozusagen meine Muse. Ich habe fünf Jahre mit ihm zusammengearbeitet und soviel von ihm gelernt. Natürlich auch von der Staatskapelle. Dabei war es gar nicht so ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Er hat mich wie einen Kollegen behandelt.
Meier: Gibt es andere Dirigenten, die für Sie prägend waren?
Ettinger: Natürlich geht das zurück hinter Barenboim zu Celibidache, Furtwängler usw. Ich hatte nie Dirigierunterricht, ich habe gelernt durch beobachten und machen. Mit Barenboim war es aber auch noch etwas anderes. Bevor ich ihn kennenlernte, hatte ich natürlich jede Menge Ideen, wie man Musik machen sollte. Und als wir uns dann trafen, hat er erstaunlich viel davon bestätigt und unterstützt. Das war ein tolles Gefühl.
Interview: Ingo Wackenhut
Dan Ettinger
Ein paar Details
Geboren 1971 in Israel. Zunächst Pianist und Bariton, ab 1999 zunehmende Engagements als Dirigent: Conductor in Residence der New Israeli Opera in Tel Aviv (ab 1999), erster Gastdirigent des Jerusalem Symphony Orchestra (2002 bis 2003), Kapellmeister und Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin (ab 2003), Chefdirigent des Israel Symphony Orchestra (seit 2005). Gastdirigate u.a. an der Wiener, Hamburgischen und Bayerischen Staatsoper. 2009 Debüt an der New Yorker Met. 2010 Debüt an Covent Garden in London. Erarbeitet bis März 2010 am New National Theatre Tokyo Wagners “Ring” und übernimmt im April 2010 zusätzlich als Chefdirigent das Tokyo Philharmonic Orchestra. Sein Mannheimer Vertrag läuft vorerst bis Sommer 2012.
Termine:
Musikalische Akademie
12. & 13.4./28. & 29.6. Rosengarten Mannheim, 20 Uhr
Vorstellungen im Nationaltheater: www.nationaltheater-mannheim.de






