Soul ohne Sakrileg
Als prägnante Stimme von Mike & The Mechanics wurde Paul Carrack in den 80ern bekannt. Doch erst als „independent artist“ mit eigenem Label glückte es ihm, sich solo zu etablieren. MEIER sprach mit dem käppitragenden Vollblutmusiker, der mit siebenköpfiger Band und neuem Album („I Know That Name“) erneut auf Tour geht.
MEIER: Wie pflegen Sie eigentlich ihre Stimme, die nach 40-jährigem Berufsleben nichts an Strahlkraft verloren hat? Schlürfen Sie rohe Eier zum Frühstück?
Paul Carrack: Nein, ich ernähre mich ganz normal, aber als Sänger ist man in diesem Geschäft sicher am meisten gefährdet. Man transportiert seine Stimme ja nicht in einem gepolsterten Köfferchen, sondern kann sich ständig eine Erkältung einfangen. Wenn mir dies passiert, versuche ich die hohen Noten zu umschiffen - ohne dass dabei die Songs unkenntlich werden. Doch ich bilde mir ein, dass meine Stimme heute selbst an schlechten Tagen besser klingt als auf meinen frühen Platten.
MEIER: Wie bitte? Zählen sie da etwa auch die Alben Ihrer Mittsiebziger-Band Ace dazu, die seinerzeit als britische Antworten auf die Westcoast-Bands gefeiert wurde?
Carrack: Ja, selbst wenn die Live-im-Studio-Aufnahmen unseres Debüts Spaß machten, höre ich den zwei Folgealben an, unter welchem Druck sie entstanden. Der abrupte Schritt von den Sheffielder Pubs in die großen Hallen, den unserer Hit „How Long“ nach sich zog, war uns nicht bekommen. Aber auch auf meinem ersten Soloalbum „Nightbird“ von 1980 klingt mir meine Stimme zu weinerlich. (Als früher Halbwaise hatte ich es mir in meiner Jugend angewöhnt, mich rasch in Selbstmitleid zu flüchten. Doch Melancholie allein macht noch keine gute Musik.) Von meinen Studio-Alben höre ich mir eigentlich nur die noch gerne an, die nach 2000, also ab „Satisy My Soul“, erschienen sind. Mit allen davor bin ich nicht im Reinen, denn da spielten oft Marketing-Überlegungen der Plattenfirmen eine zu große Rolle. Auf meinem eigenen Label entscheide ich dagegen allein, wie und wo und welche Songs ich aufnehme.
MEIER: Dabei fällt auf, dass auf Ihren Alben und Live-DVDs der Anteil an Fremdkompositionen deutlich gewachsen ist. Die 2002er CD „Groovin’“ bestand sogar nur aus Soul-Klassikern …
Carrack: Ich gebe zu: „Groovin’“ war eine Art Überbrückungsalbum, als ich mal nicht genügend eigene Songs für eine neue CD parat hatte. Doch ich singe dauernd irgendwelche Lieder, mit denen ich aufgewachsen bin und zu denen ich noch einen starken Bezug habe. Meine Neuinterpretationen sehe ich als Hommagen, bei denen ich mich zwar bemühe, dem Geist der Originale nahe zu kommen. Andererseits gehe ich bei meiner Auswahl der Stücke ohne übertriebene Rücksicht vor. Für einige Leute ist es ja ein Sakrileg, Marvin Gayes „What’s Going On“ zu spielen. Aber für mich hat Musik nichts mit Ehrfurcht zu tun - ich möchte einfach, dass das Publikum und die Band zusammen Spaß haben!
Markus von Schwerin




