Der neue GMD der Staatsphilharmonie

Der 1961 in Trier geborene Karl-Heinz Steffens hat als Klarinettist eine 25-jährige Traumkarriere hinter sich. Als Dirigent ist er ein Newcomer – wenn auch mit glänzenden Referenzen.

Der neue Chef der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz ist geborener Rheinland-Pfälzer. Das gab’s schon lange nicht mehr. Als Zehnjähriger bekam Karl-Heinz Steffens ersten Klarinettenunterricht, war bald Mitglied des Landesjugendorchesters Rheinland-Pfalz, studierte Klarinette in Stuttgart und kletterte die Orchesterleiter hoch: Staatstheater Kassel, Oper Frankfurt, Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, Berliner Philharmoniker. Parallel dazu kam es zuersten Erfahrungen als Dirigent bis Daniel Barenboim auf Steffens aufmerksam wurde und ihn förderte. Nach Gastdirigaten in Halle wurde er dort 2008 GMD der Staatskapelle und künstlerische Leiter der Oper. Seit August ist er in der Nachfolge von Ari Rasilainen GMD der Staatsphilharmonie. MEIER hat sich mit Karl-Heinz Steffens an einem heißen Tag auf dem Ludwigshafener Lutherplatz getroffen.


MEIER: Wie finden Sie Ludwigshafen?

Karl-Heinz Steffens: Interessant. In meiner Jugendzeit bin ich oft hier gewesen und habe mit einigen Freunden zusammen musiziert. Ludwigshafen ist eine Stadt, die nicht so ein klares Gesicht hat, eine, zu der man sich hinbewegen muss. Ich freue mich darauf, die Stadt demnächst wieder besser kennenzulernen.

MEIER: Sie werden aber nicht mit der ganzen Familie hierher ziehen?

Steffens: Unser familiärer Mittelpunkt ist und bleibt in Berlin, aber ich werde mir hier eine Wohnung nehmen.

MEIER: Gibt es denn aus alten LJO-Zeiten noch direkte Kontakte?

Steffens: Der früherer Leiter des LJO, Herrmann-Josef Lentz, ist ja noch immer eine große Autorität in Ludwigshafen, mit ihm werde ich mich sicher treffen, und es gibt einige Kollegen in der Staatsphilharmonie, mit denen ich damals im LJO zusammen gespielt habe, zum Beispiel den Solooboisten Rainer Schick oder den Fagottisten Dieter Zick, mit dem ich Kammermusik gemacht habe.

MEIER: Letztes Jahr haben Sie das Klassik-Open-Air-Konzert auf dem Berliner Platz dirigiert. Da konnten wir schon einige Entertainer-Qualitäten feststellen. Wie sehen Sie Ihre Rolle im Gemenge eines Sinfonieorchesters?

Steffens: Man kann heute nicht mehr einfach nur sagen, „wir machen schöne Programme und spielen die gut“. Man muss heute mehr für die Kommunikation tun, jenseits der Konzerte und vielleicht sogar auch innerhalb. Man kann den Leuten viel zumuten, auch zeitgenössische Musik, wenn man ihnen vorher erklärt, worauf sie achten könnten. Ablehnung basiert immer auf Nichtverstehen. Empfinde ich Musik als schön oder nicht schön – alles im Grunde eine Frage des Verstehens.

MEIER: Voraussetzung ist aber, dass die Menschen überhaupt ins Konzert kommen ...

Steffens: Natürlich, und deswegen müssen wir dafür sorgen, dass die Kommunikation jenseits der Konzerte sehr stark ist.

MEIER: Ich dachte auch noch an Ihr Rollenverständnis als Dirigent. Sie sind selbst ein erfahrener Orchestermusiker. Sehen Sie sich eher als Inspirator, Befeuerer oder als Moderator?

Steffens: Natürlich muss der Dirigent eine künstlerische Linie vorgeben. Aber ich habe sicherlich den Vorteil, dass ich die psychologischen Abläufe innerhalb eines Orchesters sehr gut kenne. Deswegen ist es mir bis jetzt immer gelungen, dieses Wir-Gefühl entstehen zu lassen. Also nicht: „der und wir“, sondern „wir alle zusammen“.

MEIER: Ich vermute, dabei haben Sie auch Ihre bisherige Arbeit in Halle vor Augen. Wir würden Sie denn diese zwei Jahre beschreiben?

Steffens: Als überaus positiv. Man spürt ganz klar Fortschritte im Orchester. Und die Sache war ja keineswegs leicht, denn es mussten in dieser Zeit zwei Orchester zusammenwachsen. Bislang ist dieser Prozess hervorragend geglückt. Am Anfang war es das, was man wohl mit Liebe auf den ersten Blick bezeichnen würde. Und die Liebe ist bis jetzt nicht erloschen. Ich bin eben nicht der Typ, der dauernd mit dem Gastdirigenten-Zirkus um die Welt reist. Ich lege großen Wert auf langfristige und kontinuierliche Arbeit. Man muss spüren, wie man gemeinsam vorankommt.

MEIER: Ludwigshafen hat eine schmerzliche Strukturreform hinter sich, Halle sogar eine Fusion. Aber während die Staatskapelle auch viel Oper spielt, ist die Staatsphilharmonie ein fast reines Konzertorchester. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen den beiden Klangkörpern?

Steffens: Oh, wir werden in Ludwigshafen auch Oper spielen. Aber da kann ich noch nichts verraten … Zu Ihrer Frage. Die neufusionierte Staatskapelle ist sozusagen „ostdeutsch“ geprägt. Da ist eine gewisse Bescheidenheit, auch eine große Liebe zur Musik und viel Wärme im Klang. Durch die Fusion sind es in Halle heute 152 Leute – man hat also auch nicht jeden Tag das gleiche Orchester vor sich. Es wird manchmal in zwei, oder sogar drei Gruppierungen geprobt und gespielt, was gewisse eigene Probleme mit sich bringt.
Ludwigshafen ist ein gewachsener eingespielter Klangkörper, sehr brillant und mit großem individuellen spieltechnischen Potential. Ich denke, es ist wichtig, die Staatsphilharmonie wieder dahin zu führen, wo sie hingehört: Als Top-Orchester von Rheinland-Pfalz muss sie in der Lage sein, die große Literatur mit eigenen Kräften zu spielen. Eine Streicher-Besetzung mit sechzehn 1. Geigen geht momentan leider zu selten. Die Strukturreform mit dem Austausch von Musikern hilft da nicht wirklich. Bei aller Wertschätzung für die Kollegen aus Mainz oder Koblenz: Aushilfen können keine eigenen Orchestermitglieder ersetzen!

MEIER: Was interessiert Sie denn dann an der Aufgabe in Ludwigshafen?

Steffens: Mich hat interessiert, ein überschaubares Konzertorchester zu haben, das sehr viel konzertiert. Natürlich auch das häufige Unterwegssein, die verschiedenen Gastiersituationen. Außerdem fasziniert mich die Idee, gleichzeitig mit einem Orchester im Osten und im Westen zu arbeiten.

MEIER: Und wie sehen Sie die beiden Orchester im Vergleich zu den Berliner Philharmonikern?

Steffens: Die Philharmoniker sind außer Konkurrenz, die kann man mit nichts vergleichen. Für mich ist es aber auch wichtig zu lernen, wie man strategisch Spielpläne macht, die langfristig eine Entwicklung nach vorne bedeuten. In Halle hatten wir in den letzten zwei Jahren zum Beispiel schon einen immensen Zuwachs an Publikum.

MEIER: Und worauf führen Sie das zurück?

Steffens: Halle identifiziert sich ohnehin sehr stark mit der Staatskapelle. Naja, die Hallenser sagen, dass das Publikum mich sehr mag. Es wäre schön, wenn mir vergleichbares auch in Ludwigshafen und der Metropolregion gelingen würde. Was bestimmt nicht leicht ist. Denn hier haben wir eine sehr heterogene Situation. Es gibt viele verschiedene Veranstalter, für die wir spielen. Wenn wir Programme machen, müssen wir auf deren Interessen achten und Rücksicht nehmen. Das ist nicht immer einfach. Aber so lerne ich selbst auch, mich in diesem Wald zurechtzufinden. Und es ist mein Ehrgeiz, trotzdem eine Linie reinzubringen.

MEIER: In Ludwigshafen dirigieren Sie ja kommende Saison ohnehin noch eher weniger …

Steffens: Weniger als mein Vorgänger, das stimmt. Aber doch schon so viel, dass ich hier und da meine Handschrift deutlich machen kann. Bei meiner Vertragsunterzeichnung waren logischerweise etliche Termine schon fix mit Gastdirigenten besetzt. In der Saison 2010/11 wird meine Präsenz hier in Ludwigshafen noch stärker sein.

MEIER: Ihre Vorgänger sind letztendlich auch aufgrund einer großen Unzufriedenheit mit der „personellen Ausstattung“ der Staatsphilharmonie gegangen. Lässt sich daran etwas ändern?

Steffens: Intendant Rainer Neumann und ich sind uns einig – und die Politik weiß das auch: Keiner ist glücklich mit dieser sogenannten Reform. Der große Schmerz der Kürzungen wird durch die Kooperation der drei Orchester allenfalls gemildert. Für ein Reisekonzertorchester wie die Staatsphilharmonie, das im internationalen Wettbewerb steht, ist die Kooperation dauerhaft nicht akzeptabel. Wir wollen und müssen auf dem Niveau eines großen Sinfonieorchesters arbeiten. Dazu bedarf es einer entsprechenden personellen Stärke. Mir ist klar, dass Veränderungen Zeit brauchen. Aber in Halle, wo wir auch eine schwierige Situation haben, ist man mit der neuen Aufmerksamkeit so zufrieden, dass sich manches schon wieder verbessern lässt.

MEIER: Welche Talente machen denn einen solchen Erfolg bei Ihnen aus?

Steffens: Man soll nicht selbst über vermeintlich eigene Vorzüge sprechen. Das überlasse ich lieber anderen. Für die MEIER-Leser mache ich mal eine kleine Ausnahme. Vielleicht habe zwei Vorteile. Zunächst glaube ich, dass ich ein Typ bin, der integrieren kann, der verschiedene Pole zusammenbringt, sodass sie miteinander funktionieren. Und mit aller Bescheidenheit: Ich denke, ich bin ein guter Musiker, und das überträgt sich.

MEIER: Welche Rolle spielt dabei die Aura des Dirigenten?

Steffens: Auf jeden Fall müssen Aura UND Qualität da sein. Ich war 24 Jahre lang Orchestermusiker, in den besten Orchestern Deutschlands, wenn nicht Europas. Ich habe nichts mehr verachtet als parfümierte Dirigententypen. Für alle im Orchester war klar: „Da ist nix dahinter“. Die große hohle Geste geht vielleicht in Salzburg durch, aber nicht in Ludwigshafen. Dafür ist die Realität viel zu klar und unprätenziös. Hier braucht es gute Musik und richtige Kultur.

MEIER: Obwohl es so nah an Mannheim ist?

Steffens: Dass zwischen Mannheim und Ludwigshafen ein spezielles Verhältnis bestehen soll, davon hat man mir schon berichtet. Ausführlich habe ich mich mit diesem Thema noch nicht beschäftigt. Allerdings glaube ich nicht unbedingt an das glamouröse Mannheim einerseits und das hässliche Entlein Ludwigshafen andererseits.

MEIER: Zumindest gehen aber die Mannheimer tendenziell nicht wegen der Kunst über den Rhein.

Steffens: Wenn das Ihre Einschätzung ist! Ich kann nur sagen: Dann muss man das eben ändern. Wir werden auf jeden Fall Projekte anbieten, zu denen die Leute von überall herkommen. Da bin ich mir ziemlich sicher.

MEIER: Ihr Vorgänger Ari Rasilainen war und ist Geiger, sie waren Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker. Wo packen Sie als gewesener Orchestermusiker ein Orchester anders an?

Steffens: Es geht um die Probenstrategie. Entscheidend ist, dass man in der Probe salopp gesagt nicht zu viel labert. Es geht darum, dass man klare Ansagen macht, und vor allem: dass das dann auch sofort hörbar ist. Es gibt Dirigenten, die reden Stunden und hinterher klingt es genauso wie vorher, weil sie es nicht schaffen, den Klang wirklich zu verändern. Ich weiß auch, dass da die Musiker oft einfach abschalten. Die wollen klare, direkte und umsetzbare Dinge. Da haben Leute „vom Fach“, die das alles von innen heraus kennen, sicherlich einen Vorteil.

MEIER: Wie halten Sie es denn mit der historischen Aufführungspraxis?

Steffens: In Halle haben wir ja das Händel-Festspiel-Orchester innerhalb der Staatskapelle. Das ist eine wunderbare Sache. Ich möchte Barockmusik eigentlich gar nicht auf modernen Instrumenten spielen – auch wenn wir nächstes Jahr hier in Ludwigshafen einen Bach auf dem Plan haben. Ich denke auch, dass man auf jeden Fall bis Schubert bei den Blechbläsern auf eng mensurierten Instrumenten spielen sollte, und auch Pauken mit Naturfell einsetzt. Wenn sich Orchestermusiker für historische Instrumente interessieren, finde ich das eine tolle Sache … Andererseits halte ich die Flagge der historischen Aufführungspraxis nicht ideologisch hoch. Ich hasse das Schulbuchmäßige. Aber natürlich können wir bei Bach z.B. die Bogenführung nicht handhaben wie in den 30er Jahren.

MEIER: Und bei Mozart, Haydn und Co?

Steffens: Da muss man schon sehr aufpassen. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass die interpretatorische Ausführung hier auf keinen Fall im Lehrbuchbereich der Zeit stehenbleiben darf. Meiner Ansicht nach machen viele diesen Fehler und halten sich an den Buchstaben der einschlägigen Werke. Aber die Kunstwerke gehen ja viel weiter darüber hinaus. So darf man etwa die Modernität, das Geniale bei Mozart nicht wegnehmen. Die „Jupitersinfonie“ aus dem Horizont von Leopold Mozart zu interpretieren, ist für mich ein Fehler. Letztlich muss man ganz persönliche Entscheidungen treffen.

MEIER: Und die können auch von heute auf morgen variieren …

Steffens: In der Tat, sie können sich wandeln. Vor meinem Karrierestart als Dirigent habe ich viel mit Daniel Barenboim zusammengearbeitet. Bei ihm ist jeder Abend völlig anders.

MEIER: Wäre Barenboim ein Dirigent, der für Sie Vorbild oder Orientierungspunkt ist?

Steffens: Ich mach da keinen Hehl daraus, dass Barenboim für mich das Vorbild ist. Er ist für mich sozusagen der letzte der Titanen.

MEIER: Auch eine Art Lehrmeister?

Steffens: Ja, der Einzige! Ich hatte ja nie in meinem Leben auch nur eine Dirigierstunde. Ich habe mit Barenboim persönlich gearbeitet, ihm an der Staatsoper und bei der Staatskapelle assistiert. Wir sind befreundet, er hat auch bei uns in Halle als Solist gespielt, mit mir als Dirigenten. Wir diskutieren über Musik und Interpretationen, und er sagt mir sehr deutlich, was er gut findet und was nicht.

MEIER: Welche programmatischen Ideen haben Sie denn für die Staatsphilharmonie?

Steffens: Jeder weiß, dass ich ein Mann für das klassisch-romantische deutsche Repertoire bin. Wir fangen jetzt an mit Brahms/Schönberg. Ich möchte alle großen Orchesterwerke von Brahms machen, inklusive „Deutsches Requiem“, außerdem die großen Orchesterwerke von Schönberg. Ich würde gern einen Bruckner-Zyklus machen, auch Mahler ist wichtig.

MEIER: Richard Strauss hat Rasilainen gerade ein bisschen „abgegrast“ ...

Steffens: Deshalb steht Strauss bei mir erst einmal nicht so sehr auf der Agenda – trotz „Don Quixote“ jetzt beim Geburtstagskonzert in Landau.

MEIER: Und andere Länderschwerpunkte?

Steffens: Bei mir auf jeden Fall Frankreich. Ich bin ein großer Debussy- und Ravel-Freund, das wird bis Messiaen und weit ins 20. Jahrhundert hinein gehen.

MEIER: Und im zeitgenössischen Bereich?

Steffens: Ich mache in Halle gerade eine Oper von Christian Jost …

MEIER: … der auch „Composer-in-Residence“ der Staatsphilharmonie war ...

Steffens: … richtig, und er wird uns sicher wieder beschäftigen. Im Oktober spielen wir Magnus Lindberg in Schwetzingen. Ich hoffe, ich kann Jörg Widmann dazu bringen, für uns ein Stück zu schreiben. Ich würde mir eine Zusammenarbeit mit Peter Eötvös wünschen, den ich sehr schätze. Ich bin auch ein großer Ligeti-Fan, möchte unbedingt sein Requiem machen. Dann planen wir einen Zyklus, bei dem wir alle Beethoven-Sinfonien mit bedeutenden Solokonzerten des 20. Jahrhunderts kombinieren. Im Musiktheater könnte etwas auf der Wagner-Schiene passieren. Wir haben in Halle ein tolles Opernhaus. Warum sollten wir nicht über Kooperationen mit dem Pfalzbau in Ludwigshafen nachdenken?
Das sind alles Sachen, die in meinem Kopf rumschweben. Was davon realisierbar ist, wird man sehen. In dieser ersten Saison bin ich quasi nur reingestochen in freie Lücken. Das hat noch keine durchgreifende Dramaturgie. Wobei das hier – wie gesagt – auch nicht so leicht ist aufgrund der vielen Veranstalter. Man muss doch Kompromisse machen. Das bin ich in dieser Form nicht gewöhnt, das sag ich ganz ehrlich.

Interview: Ingo Wackenhut MEIER 9/2009

 

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