über Unglück hinter den Fassaden einer glänzenden Landeshauptstadt

Wer hätte das gedacht! Stuttgart ist eine spannende Stadt. Denn unter ihrer geschäftig-wohlhabenden Oberfläche stapeln sich die Dramen. Und zwar in den besseren Vierteln. Dort siedelt Anna Katharina Hahn ihren Roman "Kürzere Tage" an: Innenstadtlage, repräsentativ und teuer. Teuer erkauft, könnte man sagen. Denn was so heil und harmonisch erscheint wie die weißen Stuckdecken in den hohen Wohnungen, ist ständig vom Einsturz bedroht.
Judith ist vor sich und ihrer Tablettensucht in die Ehe mit einem gut verdienenen Mann geflüchtet. Leonie hat "nach unten" geheiratet. Vielleicht schieben diese beiden Frauen deshalb ihre tollen Kinder wie eine Bugwelle der Rechtfertigung durch "ihr" Viertel, das eigentlich schon durch die netten Vorgärten und den türkischen Luxusgemüseladen alle Probelme ausschließen müsste. Gut, die alleinerziehende Frau mit dem Jungen, der gegen alles allergisch zu sein scheint und der 13-jährige Marco, der mit den Türkenjungs der dritten Generation durchs Bürgerviertel streift, stören ein bisschen. Zeigen aber auch, wie gut es einem doch geht.
Anna Katharina Hahns Beschreibungen leben von den genau beobachteten Details. Gleichzeitig geht sie ihrem Milieu mit den darin verkeilten Frauengeschichten bis in die Haarrisse der Biografien nach. Und die geschickt eingebaute Gesellschaftsanalyse gibt dem Ganzen eine exemplarische Bedeutung. Die 1970 in Stuttgart geborene und 2005 mit dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnete Autorin kann zu alledem auch noch spannend erzählen.
Frank Barsch
* Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage. Suhrkamp Verlag. 223 Seiten. € 19.80

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