präzises Psychogramm erzählt vom Verschwinden einer...

“Was ist daran romantisch, lebendig begraben zu sein? Langsam alt zu werden?”  schreibt Stewart O’Nan über die Bewohner von Kingsville, einer amerikanischen Kleinstadt am Erie-See. Diese triste Prognose erfüllt sich für Kim nicht, und trotzdem ist das keine gute Nachricht. Die 18 Jahre alte High-School-Absolventin verschwindet, bevor ihr Traum vom neuen Leben weit weg von der Provinz wahr wird.
So könnte ein Krimi beginnen, doch für den 1961 geborenen Autor ist das Verbrechen nur eine Nebenhandlung. Der Leser erfährt kaum etwas über die Polizeiarbeit, über Verdächtige oder Zeugen,  und dennoch ist dieser Roman so spannend wie ein Thriller. Was der Autor zeigt, sind Abgründe der Ohnmacht, die er in eine perfekte Dramaturgie bettet. Kims Eltern reagieren auf das Verschwinden der Tochter modern, wie Manager ihres Unglücks. Vater Ed, ein Im-moblienmakler, verwandelt sich zum Hilfssheriff und koordiniert private Suchtrupps. Mutter Fran surft in der Zwischenzeit zu Hause durch Internet-Suchforen, gibt Interviews für den lokalen Fernsehsender und klebt Plakate. Ins Gegenteil gewendet ist die stumme Trauer von Kims Freunden, die lange Zeit deren Geheimnisse hüten und denen die Eltern deshalb eine Teilschuld am Verschwinden der Tochter geben. Und da ist noch Kims drei Jahre jüngere Schwester Lindsay, die sich mehr und mehr zurückzieht. O’Nan gelingt es, die Zerfallserscheinungen einer Familie zu beschreiben, ohne sie dabei bloßzustellen.

[Astrid Möslinger - 04/2009]

Stewart O'Nan: Alle, alle lieben dich.
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt. 410 S.
€ 19.90

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