AKWs im Delta - Der Tag X
Leseprobe - aus Ausgabe Mai 2011
Störfall im AKW / „Fukushima ist überall“, lautet der neue Slogan der Anti-Atom-Bewegung. Deutsche Atomkraftwerke sind weiterhin sicher, sagen Befürworter und Betreiber. Aber was passiert, wenn es wirklich passiert? Bei uns, in Philippsburg zum Beispiel.
Gegen zwei Uhr nachts erschüttert eine gewaltige Explosion Block 1 des Atomkraftwerks Philippsburg. Wer in den umliegenden Dörfern nicht schon durch die Detonation geweckt wurde, den reißen bald die Sirenen aus dem Schlaf.
Vielleicht ist es ein Flugzeugabsturz, vielleicht ein terroristischer Angriff, vielleicht beides. Oder einfach nur menschliches Versagen. Der GAU jedenfalls würde in der dicht besiedelten Rheinebene womöglich noch schlimmere Folgen haben als an der Ostküste Japans. Die Explosion hat ein wahres Inferno ausgelöst. Das Reaktorgebäude von Block 1 ist teilweise zerstört, es brennt. Noch bevor die Feuerwehr eingreift, hat das Kraftwerkspersonal erste Messungen durchgeführt. Die Ergebnisse lassen das Schlimmste befürchten. Radioaktivität tritt aus. Auf dem Betriebsgelände liegt die Stundendosis bereits bei 100 Millisievert. Ist der Dampfkreislauf beschädigt, oder womöglich sogar der Reaktordruckbehälter? Der Alarm aktiviert den Katastrophenschutz. Er soll die Lage erkennen, bewerten und beurteilen. Wohin zieht die radioaktive Wolke, wie viele Menschen sind in Gefahr? Ein Netz aus Messstellen liefert Daten über die radioaktive Belastung im Umfeld des AKWs und darüber hinaus. Das Landesumweltministerium wertet diese Informationen zusammen mit Angaben über die Wetterlage aus und erstellt so Prognosen. Sie bilden die Entscheidungsgrundlage für die Schutzmaßnahmen.
Schon bald nach der Explosion wird klar, dass zumindest der Dampfkreislauf des Meilers ernsthaft beschädigt ist. Ein Betreten des Reaktorgebäudes ist allerdings unmöglich. Was noch alles kaputt ist, weiß vorerst niemand. Philippsburg 1 wurde als so genannter Siedewasserreaktor nach demselben Konstruktionsprinzip wie die havarierte Anlage in Fukushima gebaut. Der Reaktorkern funktioniert im Normalzustand praktisch wie ein gigantischer Tauchsieder. Die Brennstäbe erzeugen Hitze, die das umgebende Wasser zum Kochen bringt. Der entstehende Dampf wird direkt zum Antrieb einer Turbine genutzt. Bei Block 2 dagegen handelt es sich um einen Druckwasserreaktor mit zwei getrennten Wasserkreisläufen.
Jodtabletten müssen an die Bevölkerung ausgegeben werden.
Polizei und Behörden versuchen derweil eiligst, die Bevölkerung zu informieren. Besonders wichtig ist jetzt die Verteilung von Jodtabletten. Radioaktives Jod (I)-131 ist ein häufiges Zerfallsprodukt der Kernspaltung und kann bei nuklearen Katastrophen in großen Mengen freigesetzt werden. Es wird leicht vom Körper aufgenommen und anstelle von natürlichem Jod der Schilddrüse zugeführt. Dort löst die strahlende Substanz leicht Krebs aus. Wer aber hochdosiertes „sauberes“ Jod schluckt, bleibt davon ver- schont. Die Schilddrüse ist dann praktisch gesättigt und nimmt kein I-131 mehr auf. Eine Einnahme vier Stunden vor der Höchstbelastung bietet den besten Schutz. Sämtliche Städte und Gemeinden in der Umgebung von Atomkraftwerken lagern große Mengen Kaliumjodid-Tabletten und geben diese „im Ereignisfall“ aus. Die Ausgabestellen sind auch im Internet abrufbar. Die Strahlenwerte steigen. Der Katastrophenschutz beschließt die geordnete Evakuierung der so genannten Mittelzone in einem Radius von zehn Kilometern um den havarierten Meiler. Hierfür gibt es Pläne. Auf dem Kraftwerksgelände spitzt sich die Lage weiter zu. Im Reaktor ist der Druck abgefallen, es entweicht immer mehr radioaktiv verseuchter Wasserdampf. Das Feuer konnte noch nicht gelöscht werden. Die Brennstäbe werden vermutlich in kurzer Zeit komplett trocken stehen. Die Kernschmelze hat wohl schon begonnen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass sich die glühende Masse nicht zu schnell durch den Boden des Reaktorbehälters frisst. Die Messstellen in der Region melden eine immer stärkere radioaktive Belastung: I-131, Cäsium-137 Strontium-90 und die ersten Spuren von Plutonium. Das Wetter verschlimmert die Katastrophe. Süd-Südwestwind trägt die gefährlichen Wolken nach Mannheim und Heidelberg, Regenschauer drohen das radioaktive Material auszuwaschen und auf der Erde abzulagern. Für die Städte, die beide nur zum Teil in der 25-Kilometer Außenzone liegen, gibt es keine konkreten Evakuierungspläne. Hunderttausende sind aber betroffen und wollen weg.
In Mannheim steht eine von den sieben bundesweit verfügbaren „Analytischen Task Forces“ (ATF) bereit. An insgesamt vier festen Notfallstationen können jeweils 1.000 Personen pro 24 Stunden medizinisch untersucht und dekontaminiert werden. „Wer noch keine Jodtabletten hat, bekommt sie spätestens hier“, erklärt ATF-Leiter Mario König. Aber: „Das ist die Theorie, ob das dann eines Tages alles funktioniert, weiß keiner.“ Abgesehen davon sind die Notfallstationen in erster Linie für die Betreuung von Menschen aus der Zehn-Kilometer-Zone gedacht. Hunderttausende Flüchtende aus den Großstädten würden wahrscheinlich Chaos auslösen. Eine Kernschmelze stellt die größte Gefahr dar. Sie führt zur unkontrollierbaren Freisetzung von Radioaktivität. AKW-Reaktoren sind keine Atombomben, die von sich heraus explodieren können. Die atomare, Energie erzeugende Kettenreaktion wird im Notfall automatisch gestoppt. Auch bei Kühlwasserverlust, wie der Philippsburg-Betreiber EnBW betont.
„Die Kettenreaktion ist nicht das Problem“, sagt Manfred Bürger, Physiker am Institut für Kerntechnik und Energiesysteme der Universität Stuttgart. Die nukleare Kaskade werde bei Wasserverlust im Reaktor tatsächlich unterbrochen, weil die für das Fortlaufen der Reaktion erforderlichen Neutronen nicht mehr durch die Flüssigkeit gebremst würden. Der Prozess komme zum Erliegen, der Meiler schalte sich praktisch selbst ab. Doch der radioaktive Zerfall von Spaltprodukten gehe weiter und erzeuge Wärme, so Bürger. Wenn keine ausreichende Kühlung mehr stattfinde, könne das zu einer Kernschmelze führen. Wie in Fukushima.
Die Kühlung ist also die Achillesferse eines Reaktors. Fällt sie aus, müssen Notfallsysteme ein- gesetzt werden. In Fukushima gelang es nicht, diese rechtzeitig bereit zu stellen oder zu reparieren. „Warum das nicht gegangen ist, ist uns trotz der schweren Zerstörungen schwer verständlich“, meint Manfred Bürger. Anscheinend hätten nicht nur die Maschinen versagt. Solche Verfehlungen seien vermutlich eine Frage der Sicherheitskultur, „die man dann auch bei uns intensiver diskutieren sollte.“
Kurt de Swaaf / Skizze: Christiane Peh




