Interview Michael Schmidt-Salomon zum Katholikentag 2012 Mannheim

Foto: Udo Ungar

„Es gibt keine ewigen, unantastbaren Wahrheiten“

Michael Schmidt-Salomon / Spätestens 2005 mit seinem „Manifest des evolutionären Humanismus“ hat der 1967 geborene Philosoph aus Trier, sein religionskritisches Meisterstück vorgelegt und ist häufiger Talkshow- und Podiumsgast landauf, landab. Sehr verkürzt gesagt, geht es ihm darum, klarzumachen, dass eine zeitgemäße Ethik nicht aus „heiligen“ Schriften destilliert, sondern nach wissenschaftlichen Kriterien – fußend wesentlich auf Aufklärung, Evolutionstheorie und Hirnforschung – entwickelt werden sollte. MEIER hat sich anlässlich des Mannheimer Katholikentags im Mai 2012 mit Schmidt-Salomon über Glauben, Kirche und die „religionsfreie Zone“ unterhalten, in deren Rahmen er auch selbst las.

Meier „Glauben heißt nicht, nicht wissen“, hat mein Religionslehrer vor 30 Jahren behauptet. Woran glaubt ein säkularer Humanist?

Michael Schmidt-Salomon Ich glaube beispielsweise daran, dass es im Universum mit „rechten Dingen“ zugeht, dass weder Götter noch Elfen noch Dämonen in die Naturgesetze eingreifen. In dem Zusammenhang sollte man sich allerdings vergegenwärtigen, dass das Wort „Glaube“ sehr Unterschiedliches bedeuten kann. Wenn ich sage, „ich glaube, dass es im Universum mit rechten Dingen zugeht“, meine ich, dass ich das nicht wirklich wissen, sondern allenfalls vermuten kann. Ich vertrete im Hinblick auf die Verfasstheit des Universums also eine These, für die nach meinem derzeitigen Kenntnisstand viele Belege sprechen, die ich aber sofort revidieren müsste, falls neue Belege auftauchen, die meiner These widersprechen. Dies wäre eine rationale Form des Glaubens, doch es gibt natürlich auch eine irrationale Variante: Häufig meint „Glaube“ das komplette Gegenteil von „Vermutung“, nämlich das absolute „Fürwahrhaltenwollen“ von Aussagen, die empirisch längst widerlegt sind. Diese Form des absoluten Glaubens hat in der Geschichte der Menschheit immer wieder schreckliches Leid hervorgerufen. Hier wäre ein radikales Umdenken nötig: Wir sollten erkennen, dass es keine „ewigen, unantastbaren Wahrheiten“ gibt. Erst wenn wir einsehen, dass unsere Vermutungen fehleranfällig sind, werden wir in der Lage sein, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen.

Meier Wenn man sich umschaut, so scheint nicht nur die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufzugehen, sondern auch die zwischen immer fanatischeren Sinnsuchern und – ich sag‘ mal – aufgeklärten Hedonisten. Worauf ist das zurückzuführen?

Schmidt-Salomon Bei einem so komplexen Phänomen spielen selbstverständlich viele Faktoren eine Rolle. So wissen wir beispielsweise, dass Menschen eher zu fundamentalistischen Vorstellungen neigen, wenn ihr ökonomischer oder sozialer Status bedroht ist. Dass wir in Westeuropa seit Ende des 2. Weltkriegs und vor allem in den letzten drei Jahrzehnten einen so starken Trend zur Säkularisierung, also zur Verweltlichung der Gesellschaft, erlebten, hängt zweifellos mit unseren vergleichsweise guten ökonomischen Rahmenbedingungen zusammen. Doch dieser Faktor allein erklärt noch nicht, warum beispielsweise die amerikanische Bevölkerung im Durchschnitt so viel religiöser ist als die westeuropäische. Hier sind nicht zuletzt kulturelle und politische Aspekte von Bedeutung: So führten die katastrophalen Erfahrungen des Totalitarismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dazu, dass sich in Westeuropa die säkularen Traditionen von Humanismus und Aufklärung weit stärker durchsetzen konnten als in den USA.

Meier Die Europäer sind also skeptischer geworden ...

Schmidt-Salomon Ja, sie wollen Belege sehen, bevor sie irgendetwas glauben. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Darwins Evolutionstheorie, die unser Weltbild revolutioniert wie keine andere wissenschaftliche Erkenntnis, in Westeuropa akzeptiert, in den USA aber mehrheitlich abgelehnt wird. Natürlich gibt es auch in unserer Gesellschaft Kräfte, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen, allerdings fällt es ihnen hier weit schwerer, Fuß zu fassen, als in anderen Teilen der Welt. Für die meisten von uns ist es schlichtweg unvorstellbar, dass Menschen ihre Religion noch so tödlich ernst nehmen können, dass sie vermeintliche „Ehebrecherinnen“ steinigen, sich selbst in die Luft sprengen oder die eigenen Kinder als Hexen verfolgen, foltern und töten. Doch auch dies ist Teil der Realität im 21. Jahrhundert. Das sollten wir nicht verdrängen …

Meier Und was machen die Christen bei uns so Schlimmes?

Schmidt-Salomon Christliche Fundamentalisten gibt es natürlich auch mitten unter uns, aber sie bilden glücklicherweise nur eine verschwindend kleine Minderheit. Das größte Problem in Deutschland liegt eher in den Privilegien, die den Kirchen eingeräumt werden. Damit meine ich nicht nur die Milliardenbeträge, die die Kirchen neben der Kirchensteuer Jahr für Jahr vom Staat erhalten, sondern vor allem die vielen Sonderrechte, die es den Kirchen erlauben, verfassungsmäßig garantierte Grundrechte zu ignorieren. Denken Sie nur an die christlichen Stelleninserate, die tagtäglich in unseren Zeitungen erscheinen. Die implizite Aussage dieser Jobangebote für Ärzte, Psychologen, Krankenpfleger etc. lautet: Juden unerwünscht, Atheisten unerwünscht, Muslime unerwünscht! Und dies in Betrieben, die 100-prozentig öffentlich finanziert werden, wie Krankenhäuser oder Altenheime, für deren Erhalt die Kirchen keinen einzigen müden Cent aufbringen! Konsequenz: Da sich die kirchlichen Sozialkonzerne Caritas und Diakonisches Werk dank großherziger politischer Unterstützung längst zu den größten nichtstaatlichen Arbeitgebern Europas gemausert haben, sind heute Millionen von Menschen faktisch zur Kirchenmitgliedschaft gezwungen, um ihrem Beruf nachgehen zu können. Besonders hart trifft es dabei Angestellte in katholischen Betrieben, die ihre Arbeitsstelle bereits verlieren können, wenn sie einen geschiedenen Partner heiraten oder sich dazu bekennen, in einer homosexuellen Beziehung zu leben. Eine solche Form der Diskriminierung gehört definitiv nicht ins 21. Jahrhundert! 

Meier „Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Geist des Evangeliums prägen“ – das sind christliche Lieblingssätze. Wir kennen die „Kriminalgeschichte des Christentums“, aber welches könnten heute tatsächlich fortschrittliche Prägungen sein?

Schmidt-Salomon Man ist versucht, zu sagen: die christliche Nächstenliebe. Allerdings ist „Nächstenliebe“ kein Wert, der originär mit dem Christentum verbunden wäre, denn derartige Vorstellungen findet man in nahezu jeder Kultur, die die Menschheit hervorgebracht hat. Ohnehin wäre es absurd zu glauben, dass sich Menschen nur deshalb altruistisch verhalten würden, weil dies in irgendeinem „heiligen Buch“ gefordert wird. Tatsächlich engagieren wir uns aus einem ganz anderen Grund für unsere Mitmenschen, nämlich weil wir von Natur aus empathische Lebewesen sind, die Mitleid und Mitfreude empfinden. Würden wir am Leid anderer nicht mitleiden, würden wir uns wenig Gedanken um ethische Fragen machen.

Meier Sie sind oft Teilnehmer in Diskussionsrunden mit Kirchenvertretern aller Art. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Schmidt-Salomon Verblüffend fand ich immer wieder, wie erstaunlich heterogen die Vertreter der Kirchen denken und empfinden. Viele glauben tatsächlich in völlig naiver Weise an die Dogmen der Kirche, andere hingegen sind sehr skeptisch, manche von ihnen sogar keinen Deut gläubiger als ich. In Fernseh- oder Podiumsdiskussionen sind diese Unterschiede fast nicht zu erkennen, erst beim Rotwein danach erkennt man, mit wem man es da eigentlich zu tun hat. Früher empfand ich es als ziemlich verstörend, wenn Kirchenfunktionäre öffentlich so völlig anders sprachen als privat, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt …

Meier Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat der Mannheimer Stadtverwaltung vorgerechnet, dass dem städtischen Zuschuss von 1,5 Millionen Euro das 3,7-fache an Rückflüssen in die Stadt gegenübersteht. Das ist doch ziemlich rational ...

Schmidt-Salomon Ja, und vor allem sehr, sehr geschäftstüchtig! Wenn man bedenkt, dass der „Weltkonzern Kirche“ einst mit zwölf Männern und einem Esel begann, ist der ökonomische Aufstieg schon beeindruckend! Aber Scherz beiseite: Leider wissen nur die allerwenigsten, wie reich die deutschen Kirchen in Wirklichkeit sind und auf welch unfeine Weise sie dieses ungeheure Vermögen erwirtschaftet haben. Wer sich darüber informieren will, dem empfehle ich das „Violettbuch Kirchenfinanzen“ von Carsten Frerk. Ich selbst bin immer wieder erstaunt, welche verschlungenen Wege die Kirchen gefunden haben, um sich von der öffentlichen Hand finanzieren zu lassen. Die Zuschüsse zum Katholikentag in Mannheim sind im Vergleich zu den sonstigen Leistungen des Staates nur Peanuts.

Meier Sie planen zum Katholikentag eine „Religionsfreie Zone“ – was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Schmidt-Salomon Religionsfreiheit, also das Recht des Einzelnen, sich ohne äußeren Zwang für oder gegen eine Religion entscheiden zu können, ist eine der großen Errungenschaften der Moderne. Allerdings ist die negative Religionsfreiheit, das heißt die „Freiheit von Religion“, noch immer schwer in der Realität zu leben. Denn obwohl es in Deutschland mittlerweile mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken gibt, werden die Medien und die Politik weiterhin überproportional stark von den Kirchen bestimmt. Mit dem Label „Religionsfreie Zone“ wollen wir einen Kontrapunkt dazu setzen. Es gab bereits „Religionsfreie Zonen“ in vielen anderen Städten, hier in Mannheim wird sie maßgeblich von der gbs-Regionalgruppe Rhein-Neckar organisiert. Vom 16. bis zum 20. Mai finden Katholikentagsflüchtlinge ein buntes, aufklärerisches Programm mit Lesungen, Vorträgen und Diskussionsrunden. Mit von der Partien sind u.a. der Comiczeichner Ralf König („Der bewegte Mann“) sowie der kritische Theologe Gerd Lüdemann („Der große Betrug“).

Interview: Ingo Wackenhut (MEIER 5/2012)

Teilen |