Parkour

Wenn Richie, Nonne und Paule durch Mannheim rennen, dann nutzen sie den urbanen Raum als Sportgerät. „Parkour“ heißt der Trendsport aus Frankreich, und man staunt, wie behände und elegant die athletischen jungen Schauspieler die architektonischen Hindernisse, die ihnen im Weg sind, bezwingen.
Doch das kann natürlich nicht lange davon ablenken, dass es in „Parkour“ weniger um Kontrolle als vielmehr um Kontrollverlust geht.
Wir trafen Regisseur Marc Rensing zum Interview:

Regisseur Marc Rensing (Foto: Dirk Haeger)

MEIER: Wie kamen Sie auf Mannheim als Drehort?
Marc Rensing: Durch die Filmförderung der MFG waren wir an den Drehort Baden-Württemberg gebunden. Da die Region Mannheim/Ludwigshafen in Baden-Württemberg mit Abstand die größte urbane Vielfalt bietet, war sehr schnell klar, dass wir den Film dort realisieren würden. Mannheim bot dann auch alles was wir brauchten.
MEIER: Wie wurde die Stadt / das Setting konzipiert? Es ist ja weit gehend anonymisiert.
Marc Rensing: Der Film sollte eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen, deshalb gibt es keine Ortsangaben oder Verweise auf Lokales. Mannheim besitzt aber unter anderem durchaus einige reizvolle Spots für das Parkour-Laufen. Während für die meisten heutigen Menschen die sechziger und siebziger Jahre ein städtebauliches Kapitalverbrechen waren, sind diese Stadtlandschaften für Traceure wahre Geschenke.
Was den Filmstandort angeht, gaben sich viele Motivgeber etwas sperrig, wenn es darum ging über Gebäudekomplexe, Dächer, Güterwaggons oder Freibadzäune zu laufen. Die deutsche Seele verfällt eben immer noch sehr leicht in Missgunst, wenn es darum geht etwas Außergewöhnliches oder etwas Neues zu tun. Auch mit Begeisterung tut sie sich schwer, aber letztendlich gelang es uns doch mit viel Geduld, die Menschen vom Mehrwert unseres Vorhabens zu überzeugen und so konnten wir den Film dann realisieren.
MEIER: Welche Locations forderte die Geschichte?
Marc Rensing: Neben einigen Wohnungen benötigten wir eine sehr große Hausfassade, um unsere Gerüstbaugeschichte zu erzählen, einen Güterbahnhof, eine Großraumdiskothek, einen Freifallturm, ein Polizeirevier nebst gekachelter Zelle, eine Dachterrasse, eine Kneipe, ein Krankenhaus, eine Volkshochschule, ein Freibad, ein verfallenes, stillgelegtes, möglichst großes Zementwerk und, und, und. Ich könnte die Liste jetzt noch lange so fortsetzen, aber es wird schon klar, wohin die Reise geht: Wir hatten insgesamt über 50 und teilweise sehr sensible Motive.
Wir haben für den Film natürlich sehr fokussiert nach speziellen Orten gesucht, die zu unserer Geschichte passen. Die Motive, die letztendlich im Film gelandet sind, zeigen sehr gut die Vielfältigkeit dieser Stadt, die einen interessanten Mix aus Arbeitermilieu, Industriearchitektur, aufkommendem Chic, Modernität und auch Historie zu bieten hat.
MEIER: Die Stadt als Lebensraum existiert im Film eigentlich nicht. Wohin man sieht: Baustellen, Industriebrachen, Bushaltestellen, Mietskasernen. Worum ging es Ihnen dabei?
Marc Rensing: Ziel dabei war es, die Hauptfigur soweit wie möglich aus ihrem gesellschaftlichen Kontext herauszulösen, also sie bewusst aus der Gesellschaft herauszuschälen um sie dadurch zu etwas Besonderem zu machen. Richie hat im Film eine eigene Umgebung bekommen, einen eigenen Raum, der speziell auf ihn als Figur zugeschnitten ist. Es sind ja eigentlich sehr gewöhnliche Orte, an denen er sich aufhält, aber wir haben sie so gestaltet, dass sie auch immer etwas Bedrohliches in sich tragen und so unterstützen sie die Geschichte und die Vorgänge, die in seinem Kopf stattfinden.
MEIER: Haben Sie Locationscouts genutzt?
Marc Rensing: Wir hatten die Unterstützung der Filmcommission Mannheim sowie zwei ortskundige Locationscouts. Durch die gewisse Extravaganz der Motive habe ich zusammen mit meiner Kamerafrau Ulle Hadding aber auch sehr viel selbst gesucht, besonders was die Parkourmotive anging, war das notwendig. Wir suchten beispielsweise, bis weit in die Drehzeit hinein, nach einem Dachsprung von einem Haus zum anderen, was zu finden sich viel schwieriger gestaltete als angenommen. Es gibt in Mannheim wohl kaum eine Hausfassade die wir uns nicht angeschaut haben. Seltsamerweise wurde diese Szene dann auf dem Dach unseres Teamhotels gedreht.
MEIER: Wie verhält sich die urbane Architektur a) zum Sport Parkour und b) zur Drift in den Wahnsinn? Ist die Auswahl der Locations schon ein Kommentar zum Bewusstseinszustand von Richie?
Marc Rensing: Wie schon zuvor erwähnt, eignet sich natürlich gerade die Betonästhetik der Sechziger und Siebziger Jahre nahezu perfekt für „Parkour“, aber generell reizvoll wird es immer dort, wo verschachtelte Strukturen auf mehrere Ebenen treffen und das ganze möglichst weitläufig angelegt ist, ähnlich wie bei unserem stillgelegten Zementwerk im Film. Hier besitzt Richie seinen Rückzugsort, hier werden die Probleme auch mal ausgesprochen und er kann sich gehen lassen. Dinge die ihm in seiner normalen Umgebung nicht gelingen. Jeder Mensch braucht seine Rückzugsmöglichkeiten für private Momente und für diese privaten, intensiven Szenen im Film benutzen wir als Stilmittel eben die Architektur. Es gibt dann später im Film auch zunehmend Szenen, in denen die Gebäude etwas Bedrohliches ausstrahlen, wie die verlassene Schule, der Freifallturm oder die gekachelte Zelle. Die Architektur hilft uns im Film, Richie von seiner Außenwelt zu isolieren. Hinzu kommt natürlich das Bild des Überwindens von Hindernissen, Barrieren, Begrenzungen, was zu Beginn ein Leichtes für Richie ist. Am Ende sperren die gleichen Dinge ihn ein, er findet sich nicht mehr zurecht in seiner Welt.    
Die Fragen stellte Ulrich Kriest

Den Trailer zu Parkour können Sie hier sehen.

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