Das Mannheimer Label „Jazz’n’Arts“ hat den Rahmen von Enjoy Jazz genutzt und sein 10jähriges Jubiläum gefeiert. Deshalb gab s vier Konzerte in vier Tagen. Zwei Konzerte hat sich MEIER angesehen und angehört.
Den Schlusspunkt der „Reihe in der Reihe“ setzte das Oliver Strauch Trio, dessen Mitglieder neben dem Namensgeber selbst der Pianist Kenny Werner und Johannes Weidenmüller sind; ein kongeniales Trio, wie der Abend gezeigt hat. Vorgestellt wurden den Gästen der gut besuchten Alten Feuerwache das neue „New York Album“.
Label-Chef Thomas Siffling fasste in seinen einführenden Worte kurz zusammen um was es Oliver Strauch bei dem Album ging: Er wollte die Musik spielen, die ihn zum Jazz gebracht. Das war der Modern Jazz der Ende der 50er Jahre und dem folgenden Jahrzehnt entstanden ist. Es handelt sich also um die Zeit, in der der Jazz den orchestralen Swing schon längst abgeschüttelt und die Luft des Bebops schon geatmet hatte. Man improvisierte und experimentierte mit verschiedenen musikalischen Themen mehr denn je und ganz am Ende wuchs die zarte Pflanze des freien Arrangements aus den verrauchten Clubs in den amerikanischen Metropolen zum Stil des Free Jazz’ heran.
Aber es ging dem Trio auch vor allem darum, den Sound of New York einzufangen. Beim Schließen der Augen sieht man die in der Nacht bei Regen nass glänzende Straße, die sich zwischen den Häuserschluchten hindurch schlängelt, den Jazzclub an der Ecke, mit seinen in samt und dunklen Holz ausgestatteten Interieur und ein Publikum das lässig auf Barhockern und in Sofas posiert. Dies ist nur der Rahmen für das Bild, dass das Oliver Strauch Trio mit viel mehr Details musikalisch schafft an diesem Abend auszumalen.
An dieser erstklassigen Vorstellung waren alle drei Musiker gleichermaßen beteiligt, wobei Kenny Werner am Flügel besonders scharf hervorstach. Sein Klavierspiel ist außergewöhnlich. Er schöpft die gesamten Möglichkeiten aus, die eine Piano bietet und entfaltet dabei seinen eigenen Stil, der zwischen swingenden und nachdenklichen Bar-Jazz und dem ernsten und europäischen Jazz hin und her wandert. Immer wieder sind Themen aus der Klassik angedeutet oder sogar deutlich eingestrickt. Bei jedem Solo war man gespannt, welche akustische Skulptur Kenny Werner wohl jetzt entfalten wird.
Bei den Soli brillierten aber auch die anderen beiden. Oliver Strauch behandelte sein Schlagzeug nach allen Regeln der Kunst. Mit Besen, Stick und Schlegel wurden zarte Rhythmen genauso hervorgezaubert wie auch sehr kreative Soli. Der Kollege Weidenmüller ist auch ein Phänomen für sich. Mit einer Leichtigkeit bringt der Dave-Holland-Schüler den Kontrabass zum tanzen, beginnt ganz langsam hervorzuragen, um sich wieder hinter das Klavier anzustellen, oder er spielt ein aufgekratztes und hüpfendes Solo, wie bei Stück „I loves you Porgy“.
Alle Dreien gemeinsam: Sie machen Ausflüge zum Free Jazz und kehren behutsam und mit viel Fingerspitzengefühl zum Ausgangsthema zurück. Das Zusammenspiel funktioniert perfekt.
Nach gut eineinhalb Stunden ist der Ausflug nach New York schon vorbei – und das Publikum wir in einen herbstliche und kalte Mannheimer Nacht entlassen.
Bereits zwei Tage zuvor - am Freitag - spielte Sarah Kaiser in der Alten Feuerwache. Während das Oliver Strauch Trio den gemütlichen Jazzclub musikalisch imaginierte, konnte Frau Kaiser und Band auf die Club-Atmosphäre des Studios der Alten Feuerwache zurückgreifen. Das tat dem Konzert auch gut. Ungewöhnlich und erfrischend war, dass auch ungewöhnlich viele Kleinkinder dem Konzert lauschten. Die Eltern wussten offensichtlich was für ein Konzert auf sie zukam.
War es souliger Jazz oder doch jazziger Soul, den man heute Abend präsentiert bekommt? So recht entscheiden kann man das nicht und von dieser Spannung lebt das Arrangement von Sarah Kaiser. Und die Musik lebt von sehr persönlichen und einfühlsamen Texten, die fast alle in deutscher Sprache gesungen wurden. Dem Publikum erklärte Sarah Kaiser bei vielen Titeln auch den Entstehungshintergrund, was das Publikum aufmerksam aufnahm.
In den Abend hinein groovte Drummer Martin Rott zunächst ganz alleine und schließlich mit dem Kontrabassisten Martin Simon. Nachdem das Klavier hinzustieß erhob sich zum ersten Mal auch die Stimme von Sarah Kaiser, die behutsam von Olaf Schönborns Klarinette unterstützt wurde. Aber nötig hat Frau Kaiser allerdings nicht, denn schon beim zweiten Stück begann sie an zu scattern und ließ kurzweilig durchblicken, welches Potential ihrer Stimme hat.
Ein überraschende Wendung nahm das Konzert nach Lied Nummero 5: Plötzlich war man doch auf einem Jazzkonzert, denn ein Musiker nach dem anderen führte nun ein Solo vor. Der Keyboarder und Pianist Samuel Jersak spielte den Jazz sehr funky. Olaf Schörnborn am Saxophon glitt sogar in ein regelrechte Free-Jazz-Laune. Eine Phase des Konzerts, das auch das Publikum mit lautem Applaus bedachte.
In diesen Minuten setzte sich Sarah Kaiser an den Bühnenrand und genoss sichtlich die Spielfreude ihrer Band. Nach diesem instrumentalen Ausflug schlüpfte die Band wieder zurück und stellte sich hinter die Frontfrau, die wieder in die seichten Gewässer des Souljazz - ja genau! - tauchte.
Als Zugabe spielte die Musiker den Titel „Grüner“, also den das Album schmückende Titel. Am Ende wurde ein zufriedenes Publikum nach Hause geschickt, das wie die Band auf der Bühne im Verlauf des Abends auch mal ins schwitzen kam.




