[12.10., Alte Feuerwache, Mannheim] Polen hat traditionell eine sehr lebendige Jazz-Szene. Ein Aushängeschild des zeitgenössischen polnischen Jazz ist Tomasz Stanko. Sein Trompetenspiel sorgt seit Jahrzehnten für internationale Furore.
Das ist - kurz zusammengefasst - so ungefähr die Einstellung, mit der man auf ein Konzert von Tomasz Stanko geht. Für die regionale polnische Community, die in die Alte Feuerwache gegangen ist, war es wohl auch eine Art Kurz-Trip nach Polen. Der Reiz des Abends speiste sich aber auch aus dem Umstand, dass Stankos Ensemble aus jungen Musikern aus Finnland und Dänemark zusammengesetzt ist. Stanko mit seiner schreienden und wispernden Trompete gepaart mit zur Melancholie neigenden skandinavischen Jazzisten und dazu noch ein Album im Gepäck, dass "Dark Eyes" heißt - was bekommt man heute zu hören?
Stanko begann mit einem ruhigem Intro, das eine leichte Dosis osteuropäischer Würze enthielt. Der sich dazu schaltende E-Bass kam stumpf, schraddelnd und sägend daher. Der dadurch erzeugte Soundteppich klang nach aggressivem Punkrock. Warum nicht? Dazu kommt die groovende Gitarre und ein wacher glatzköpfigen Drummer, der voller Tatendrang zu stecken schien. Nachdem sich Stanko zurückgenommen hatte, nahm seine Trompete allmählich wieder Fahrt auf und wurde vom Pianisten Alexi Tuomarila tatkräftig unterstützt.
So spielten sich die Musiker beim ersten Stück den Ball über eine knappe viertel Stunde hin und her. Auffällig war die offene Spielweise: Das sich in den Vordergrund drängende Instrument oder die dominante Instrumentengruppe steuerten in ein offenes Ende hinein. Damit war im Prinzip auch immer ein beliebiger Anschluss möglich. Ein solches Spiel ist interessant, verlangt dem Zuhörer aber eins ab: Nicht der Bauch, sondern der Kopf ist das vermittelnde Körperteil.
Dieses Schema änderte sich in der folgenden Zeit kaum. Jeder durfte mal ran. Im zweiten Stück begann der Bassist mit einem minimalistischen Solo, beim nächsten Track trommelte sich Olavi Louhivuori die Seele aus dem Leib und der Gitarrist Jakob Bro verstrickte sich in hallende Gitarreneffekte, die man auch mögen muss. Wenn sich das Klavier von der Trompete löste, gelang Tuomarila ein abwechslungsreiches Spiel, ebi dem sogar der Swing hin und wieder aufblitzte. Dazwischen funkte immer mal wieder der Maestro persönlich hinein, mal mit mehr oder weniger Attitüde zum Free Jazz und streckenweise kam auch mal die sphärische Stanko-Trompete zum Einsatz.
Das alles passierte auf einem technisch sehr hohen Niveau. Allerdings blieb dabei die Leidenschaft des Zusammenspiels auf der Strecke. Die Arrangements ließen die Zuhörer mitunter etwas im Regen stehen. Applaus gab es immer für einzelne Solos. Und es wäre unhöflich gewesen, am Ende eines Stückes nicht zu klatschen. Aber frenetischen Jubel gab es erst am Ende des Konzerts. Dabei wirkte es ein bisschen so, als erhielt Tomasz Stanko Applaus für sein Lebenswerk, das zweifellos jederzeit verdient, gefeiert zu werden.
Nach eineinhalb Stunden war das Konzert des unvollendeten Jazz schließlich rum. Das Stanko-Quintet war dabei weniger schwermütig als erwartet. Melancholische Expressionisten waren heute Abend nicht am Werk.
Ich dagegen fühlte mich ein wenig bedrückt. War da nicht diese lebendige polnische Jazz-Szene? Hat nicht ein Jarek Smietana eine genreübergreifende und ironische Story of Polish Jazz geschrieben? Gibt es da nicht die jungen avantgardistischen Jazzer Pink Freud, die mir mit dem Nirvana-Cover Come as you are oder mit dem verrückten Stück Dziwny Jest Ten Kraj ein Lächeln ins Gesicht zaubern?




