Gut, die Tigerenten-Koalition also. Als das Wahlergebnis beim Public Viewing in der Mannheimer Uni diskutiert wurde hat einer gesagt, der während der schwarz-gelben Regierungszeit in den 1990er Jahren nicht mehr in Leggins um den Weihnachtsbaum gesprungen ist und so schon als vollwertiger, mündiger Bürger angesehen werden durfte, dass „man nun endlich wieder Grund hat, demonstrieren zu gehen.“
Nun hat er aber ein Problem: Wogegen will er denn demonstrieren? Die Bundeskanzlerin verkörpert doch nach eigener Aussage Mitte und Maß. Dafür wird sie ja vom Volk geliebt. Da kann doch auch niemand ernsthaft dagegen demonstrieren wollen. Deutlichsten Ausdruck findet die Konsensliebe der Kanzlerin übrigens in ihrer Handhaltung bei öffentlichen Auftritten. Vor ihrem Bauch formt sie mit ihren Händen immer eine kleine Kuppel. Man könnte auch sagen: Sie kuppelt, also ist sie.
Das hat Mannheim übrigens mit Frau Merkel gemeinsam. Hier wird verkuppelt, was auf den ersten Blick kaum zusammen passt: Eine recht schwarze Wirtschftsuni mit einer roten, okay mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse vormals roten Bevölkerung zum Beispiel oder ziemlich wenig Bevölkerung mit ziemlich viel großstädtischem Flair etwa. So hat das die Regisseurin Hannah Schweier anlässlich der Dreharbeiten zu ihrem Film „Cindy liebt mich nicht“ in Mannheim gesagt. Sie hatte nach einem Drehort gesucht, den nicht jeder auf den ersten Blick erkennt, schließlich wollte sie ihre Liebesgeschichte nicht an einen speziellen Ort spielen lassen.
Für sie und ihre Crew war es mit Mannheim dann, wie bei den Deutschen und ihrer Mitte-Maß-Bundeskanzlerin: „Jungbusch könnte Kreuzberg sein, aber das ist es nicht, aber vom Gefühl, wenn man durchläuft. Und die Leute kennen das nicht und das ist für uns natürlich unglaublich toll.“ Dass sich Hannah Schweier so für Mannheim begeistern kann, freut uns. Denn eine Stadt, die vielen, verschiedenen Menschen eine Projektionsfläche bietet, die wandelbar ist und in der bis auf ein paar Ausnahmen nicht mit der großen Keule heimatverbundener Leitkultur auf Neuankömmlinge eingeschlagen wird, kann tatsächlich Neu-Heimat werden, sei es auch nur vorübergehend für Filmdrehs.
Ob das mit der Projektionsfläche und der Wandelbarkeit nun auch für eine Bundeskanzlerin gelten sollte, sei den mündigen Bürgern zur Entscheidung überlassen. Im Notfall können sie demonstrieren gehen. Ein Thema wird sich schon finden lassen. Gegen die massenhafte Verbreitung der Tigerente zum Beispiel.
Text: Rico Grimm Foto: Christina Laube
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Könnte man sich einmal dieses Wort "Public Viewing" verkneifen? Das ist nichts weiter als verbalhornendes Werbedeutsch und bedeutet ursprünglich "öffentliche Leichenbeschau" - in Irland oder den USA . Naja, bei den Parteien hierzulande stimmt's dann ja auch...
P.S. Mannheim erinnert mich übrigens so sehr an Berlin, dass ich alsbald dorthin zurück gehe. Vielleicht erinnert mich Kreuzberg bzw. Neukölln auch an den Jungbusch? Dort aber brennen nicht die Autos, da rennen höchstens Menschen per pedes vor ihnen davon.
Ciao Mannheim...
Die Demonstrationen wird es auch in Mannheim geben, sobald die Tigerenten die Laufzeiten von Biblis, Philippsburg und Co. verlängern wollen.
@ Hans-Uwe D.: Sie Optimist, Sie!