"Ich persönlich bin Single, vielleicht aus Feigheit, vielleicht aus Angst." (Post von Wagner, 8.3.07) "Vögeln wie die Ratten ist für mich nicht Liebe." (Post von Wagner, 27.11.08)
Ich sitze in Heidelberg im Strohhauers. Draußen. Mit meinem Macbook. Ich habe lange gespart dafür und ich liebe es. Und jetzt? Jetzt ernte ich argwöhnische, ja, mitleidige Blicke. Ein schönes Mädchen, sehr schön, gegenüber von mir, denkt: "Ist der peinlich." Mit einem Laptop an einem schönen Tag im Café sitzen, das geht nicht so richtig. Das ist billige Prahlerei. Das ist unnötig. Das will man nicht sehen. Da schwingt diese arrogante "Wir nennen es Arbeit"-Attitüde mit. Dabei ist es ja Arbeit. Ich werde dafür bezahlt, dass ich Texte schreibe, die dann veröffentlicht werden. Also ist es Arbeit. "Das ist so was von peinlich", denkt das sehr schöne Mädchen.
Jetzt sitze ich hier und eigentlich habe ich Freizeit. Aber es ist niemand da, mit dem ich mich unterhalten könnte, in der Zeitung steht heute wirklich nichts Spannendes (Finanzkrise, ganz schlimm!) und nur da sitzen und Cappuccino trinken, das ist ja auch scheiße. Also schreibe ich eben irgendwas. Wenn ich einen Text anfange, weiß ich nie, ob er gut wird. Oft weiß ich nicht einmal, in welche Richtung er geht. Es könnte sein, dass ich das alles hier in fünf Minuten lösche, den Computer zuklappe und ein Bier bestelle. Dadurch hätte niemand etwas verloren. Gut, außer mir selbst natürlich. Honorar nämlich. Und Publizität. Ich bin nicht selbstbewusst genug zu glauben, dass irgendjemand einen weniger schönen Tag hat, weil er diesen Text nicht lesen darf.
Zu dem wirklich sehr schönen Mädchen hat sich eine Freundin gesellt. Die kichern jetzt sehr ungehalten. Natürlich denke ich sofort, sie lachen über mich. Was ja auch schon wieder irgendwie arrogant ist. Die Freundin des wirklich sehr, sehr schönen Mädchens ist nicht so schön. Es ist Sommer. Und ich stelle mir vor, was Franz Josef Wagner, der BILD-Kolumnist gerade macht. Nach allem, was ich von ihm weiß, freuen ihn die kurzen Röcke und die vielen hübschen Popos, die rumlaufen. Vielleicht sitzt er auch gerade irgendwo in Berlin in einem Café, trinkt Bier, raucht, guckt Mädels auf den Hintern und arbeitet an seiner Kolumne. Die lesen dann morgen drei Millionen Leute.
Irgend ein Flötist sammelt Geld ein. Ich gebe nichts. Und prompt fühlt man sich schlecht. Aber ich habe ihn vorher gar nicht spielen hören. Sein Kumpel mit dem Akkordeon steht hinter ihm. Ich habe die beiden erst wahrgenommen, als sie aufgehört haben zu spielen. Franz Josef Wagner hätte bestimmt zehn Euro gegeben. Der weiß ja, wo er herkommt.
Was machen all die Leute hier? Wie viele von denen haben eine gute Zeit? Rechts neben mir, ein Pärchen, um die 50. Sie sitzen einfach nur da. Er guckt in die Karte, obwohl er ein volles Apfelsaftschorle vor sich hat. Sie beobachtet Leute. Die haben seit zehn Minuten kein Wort miteinander geredet. Viele Leute reden nicht, wenn man sich so umschaut. Vielleicht genießen sie einfach nur das Leben. Die Sonne. Nicht arbeiten zu müssen. Oder dass da einer mit einem Macbook sitzt und sich zum Affen macht.
"Ein Pils bitte." Es ist nach vier. Das geht. Franz Josef Wagner würde mir da zustimmen. Die Schöne und die weniger Schöne unterhalten sich jetzt recht laut. Es geht um Pierre. Pierre ist Medizin-Student und sieht unheimlich super aus. Pierre ist außerdem nicht im StudiVZ. Das ist, lerne ich, für Studenten ein Distinktionsfaktor. Eigentlich ist jeder im StudiVZ. Wer es nicht ist, hat es nicht nötig. Wer es nicht ist, steht außerhalb der gängigen Kategorien. Wer nicht im StudiVZ ist, ist heutzutage fast schon so etwas wie ein Promi. Ich bin im StudiVZ. Franz Josef Wagner nicht. Hat der überhaupt studiert?
Pierre hat heute Abend eine Verabredung mit der Schönen. Er muss wirklich super aussehen. Die Schöne ist sehr aufgeregt. Ich bin ein wenig neidisch auf Pierre. Ach was, ich hasse Pierre. Pierre geht nicht mit ihr ins Kino, sie gehen auch nichts trinken oder kochen zusammen. Pierre und die Schöne werden heute Abend zusammen Squash spielen. Die Schöne hat das noch nie gemacht und Pierre ist im Verein. Pierre hat alles richtig gemacht. Beide haben alles richtig gemacht. Sie will sich von ihm beeindrucken lassen und er wird sie beeindrucken. Die beiden werden zusammen kommen. Wieder ein Mädchen mit gutem Popo weniger für Franz Josef Wagner. Und für mich. Ich hasse Squash.
Die BILD-Zeitung würde diesen Text niemals abdrucken. Nicht, weil er billig gegen ihren Kolumnisten polemisiert. Auch nicht, weil er zu lang ist oder weil er ein Fremdwort enthält, das nicht einmal mein Rechtschreibprogramm kennt. Sondern weil er überhaupt keine Aussage hat. Keine klare Kante, nicht einmal etwas, worüber sich irgendjemand aufregen könnte. Vielleicht ist dieser Text sogar unfassbar langweilig.
Wer bis hierhin gelesen hat, fragt sich sicher, wo ich eigentlich hin wollte. Was soll denn dieser Text? Nur so viel: Für das Macbook habe ich wirklich sehr lange gespart. Und jetzt ist die Maus kaputt.
"Die Frauen heute machen mir Angst." (Post von Wagner, 8.3.2007)
"Liebe ist für mich eine Rindsroulade." (Post von Wagner, 27.11.08)
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Genau wie der Auto war ich gespannt darauf, ob der Text "was wird" und er muss etwas geworden sein, denn ich habe hochamüsiert einige Parallelen entdeckt (und es kommt noch schlimmer: ich kann mich nicht einmal mit einem Macbook brüsten und ernte mitleidige Blicke) und tatsächlich bis zum Ende gelesen...
Riemer, dass Du den alten FJW hier bemühst, macht Spaß. Ich stimme Moritz zu, wenn er sagt, dass dies der wahre Eintrag ist. Nur so und nicht anders. Danke auch für "Wir nennen es Arbeit" - sehr amüsant. Besten Gruß aus Brasilien! C
Nun, der Text hat es bis in die Zeitschrift geschafft. Drei Millionen Leute haben ihn nicht gelesen, behaupte ich. Überzeugend ist er trotzdem. Und ich spare schon lange für ein Macbook. Im Dezember ist es hoffentlich soweit.