Erstaunlich erbaulich: Twittern im Delta

Es ist der letzte Schrei im Web: Twitter, ein Dienst um 140 Zeichen lange Nachrichten zu veröffentlichen, die jeder lesen kann. Wer hipp sein will, muss dabei sein, flüstern die Apologeten der schönen, neuen Twitter-Welt. Und so begibt man sich schließlich, wagemutig wie man als  Regional-Blogger gemeinhin ist, in die Untiefen der „Twittersphäre“ und liest die versammelten „Tweets“ - Twitterisch für „eine Nachricht“ - die Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen betreffen. Da bleibt zunächst festzustellen: Wie auch in der realen Welt ist Ludwigshafen chronisch unterrepräsentiert. Seelenlose Roboter veröffentlichen automatisch Meldungen über Ludwigshafen, die nur selten nichts mit der BASF zu tun haben, ab und zu erzählt mal einer, dass er auf dem Weg nach Ludwigshafen ist und ist meckert dann, wenn er dort angekommen ist – schöne, lobende, erbauliche Worte sind auffällig selten. Armes Lu...

Ganz anders läuft das auf der anderen Seite des Rheins in Mannheim. Dort sind die Eishockeyspieler der Adler, die Handballer der Löwen und die etwas eigenwilligen Verhaltensmuster der Mannheimer häufig ein Thema. Aber es sind vor allem die Bewohner der anderen Seite des globalisierten Dorfteichs, der einmal ein Ozean war und Atlantik hieß, die für die erbauenden Worte sorgen, die man bei Ludwigshafen so schmerzlich vermisst. Doppelt Armes Lu... Nun auch noch von Mannheim übetrumpft.


Dort darf man sich nämlich mit Fug und Recht damit brüsten, Namenspate einer der erfolgreichsten, amerikanischen Bands des letzten Jahrhunderts, der Weihnachtsrocker „Mannheim Steamrollers“, zu sein –  kennt zwar keiner in Europa, sind in Amerika aber der Überflieger. Dort haben Sie in 35 Jahren mehr Platten verkauft als Eminem, öfter Platin bekommen als Britney Spears und mehr Konzerte gespielt als Celine Dion in Las Vegas -  aber die ist ja auch Kanadierin. 


Und auch am Neckar spielt sich, sorry Lu, allerhand Schönes ab. So wie Mannheims barocke Musikgeschichte heute noch dafür sorgt, dass sein Name nicht vergessen wird, so kann auch Heidelberg mit Geschichte punkten, mit spiritueller Geschichte sogar. Der Heidelberg Katechismus, eine Richtlinie der reformierten Kirchen zur Unterrichtung ihrer Schäfchen, ward vor 400 Jahren dort erfunden und ist der verlässlichste Lieferant von digitaler Aufmerksamkeit - neben hochfrequenten, euphorischen Touristengezwitscher, das dem kakophonen Klicken der Kameras in der Offline-Welt in nichts nachsteht. 

 
Dennoch hadert nicht, liebe Ludwigshafener! Vielleicht gehören Mannheim und Heidelberg die Twitter-Bühne, die Welt der großen Medien aber ist euer Metier, wie der erste öffentliche Auftritt von Helmut Kohl nach seiner Verletzung zeigt. Ehe auch Mannheim einen Alt-Bundeskanzler von solch stattlicher Erscheinung sein Eigen nennen kann, wird noch einige Zeit vergehen. Derzeit tourt Xavier Naidoo ja erst einmal durch die Imbissbuden der Republik. Und in Heidelberg redet man sowieso lieber über das Wetter.

| Montag, 25. Mai 2009 02:54 | Keine Kommentare »

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