Der Zugereiste hat einen schweren Stand – und da ist es egal, wo man losgereist ist und wohin es einen zieht: Die esoterisch Aufgeschlossene vielleicht nach Nordindien, den BASF-Manager nach Nanjing oder den Studenten nach Mannheim oder Heidelberg. Es begegnen ihm angesichts seiner fremden Mundart hochgezogene Augenbrauen, ein verschmitztes Grinsen und je nach Grad der Neugierde des Gegenüber die Frage: „Woher kommst du?“ Da sagt der Zugereiste dann sein Verslein auf und der einheimische Gegenüber erwidert gönnerhaft: „Ah ja, hab ich mir gedacht. Das hört man.“ Schön für ihn. Eigentlich auch schön für den Zugereisten, denn ein Stück Heimat in der Fremde: Da wird einem schon warm ums Herz.
Etwas kälter wird es in der Brust, wenn beim Besuch in der Heimatstadt alte Freunde und Bekannte nach dem großen Hallo mit hochgezogenen Augenbrauen, ohne verschmitztes Grinsen und bar jeglicher Neugierde dem Weggereisten die Frage stellen: „Sach ma, wie redstn du?“ Da ist es ein kleines, lässig dahingeworfenes „ahjo“, das ihn verrät und den daheimgebliebenen Gegenüber die Augenbrauen unter die Haarkante treibt. Der Weggereiste sagt daraufhin pflichtschuldig sein Verslein auf - „Du weißt doch: Ich lebe jetzt in Mannheim.“ Der Gegenüber antwortet mißbilligend: „Klingt ja schrecklich.“
Na toll. Von den einheimischen Fremden und den daheimgebliebenen Bekannten wahlweise belächelt oder argwöhnisch beäugt zu werden, gehört zwar nicht zu den angestrebten Wunscherfahrungen, ist aber wohl notwendiger Teil des Schicksals eines Zu-, wahlweise auch Weggereisten. Wenn er versucht, seiner Heimat zumindest sprachlich treu zu bleiben, passt das nicht und wenn er versucht, der Fremde ein Stück näher zu kommen, passt das noch weniger.
Aber interessant ist es, wenn zwei Zugereiste in der neuen Heimat Mannheim aufeinander treffen und einer durch diverse Anstrengungen bereits weniger fremdelt als sein Gegenüber. Da sind beide ins Gespräch vertieft und wieder flutscht ein kleines „ahjo“ zwischen die Sätze des einen, worauf der Gegenüber neuerlich die in dieser Geschichte bereits arg strapazierten Augenbrauen bemühen und in die Höhe führen muss, um seiner Frage ausreichend Nachdruck zu verleihen: „Ahjo?! Sagt man das so bei Euch?“ Unabhängig von der irritierenden Unbestimmtheit des „bei Euch“, entfaltet diese Frage ein verschmitztes Grinsen und eine nicht minder verschmitzte Antwort: „Nee, nee kommt aus Mannheim“
„Ach so, hab ich gar nicht gewusst. Sagen die das hier immer?“
„Ahjo!“
Als Zugereister hat man wirklich einen schweren Stand.




