Hauseingangspinkler in Heidelberg
In Heidelberg gibt es wieder Ärger. Diesmal geht es um Trinkgelage auf der Neckarwiese. Um Jugendliche, die bis spät in die Nacht „Zechen, Knutschen, Pöbeln“ (Kurzzusammenfassung des Magazins „Spiegel“). Es geht aber auch um genervte Anwohner, Polizeieinsätze und ums Pinkeln. Also eigentlich alles wie gehabt. Neu an der Sache ist: In den Streit schalten sich jetzt auch literarisch gebildete und humorvolle Protagonisten ein. Eine Seite hat Verständnis für die Jugendlichen, die andere nicht. Nur: Trotz der Meinungsverschiedenheiten pöbelt man nicht einfach lustlos vor sich hin, nein, in Heidelberg gibt es Krawall und Remmidemmi auf höchstem Niveau.
Jemand, der sich „Bürger“ nennt, schreibt in einem Internetkommentar: „Friedrich Schiller war 16, als er seine ‚Die Räuber’ zu schreiben begann. Ein Werk, das von Recht und Unrecht, von Freiheit und Zwang handelt. Für die Uraufführung kam er in den Kerker… Was würde ihm heute widerfahren? Er würde […] als Herumtreiber mit dem ‚Jugendschutz’ kollidieren […] und brave Staatsbürger würden auf ihn zeigen und rufen ‚er solle erst einmal arbeiten’. Nein, ich glaube nicht, dass sich unter den Neckarwiesenfeiernden Dichter und Denker befinden. Die sind gründlichst ausgerottet.“
Darauf antwortet jemand, der sich „Anwohner“ nennt, wie folgt: „Gerne hätte ich am vergangenen Mittwoch den betrunkenen 16-Jährigen vor meinem Haus angesprochen, als er mir gerade in den Hauseingang pinkeln wollte, ob er mir vielleicht ein spontanes Gedicht vorträgt. Leider kamen mir die Ordnungsbeamten zuvor und vertrieben den jungen Denker.“
Leider? Das muss nicht sein!
Ab sofort heißt es: Pinkeln und Reimen. Jeder potenzielle 16-Jährige Heidelberger Hauseingangspinkler muss ein Gedicht drauf haben. Da heißt es dann: Bist Du noch dicht? Oder schon Dichter? Bacardi mit Cola? Oder Goethe on Ice? Zeig’, was Du drauf hast! Irgendwann sollten die Pinkel-Kids natürlich Schillers Gesamt-Werk parat haben, wenn sie mal wieder in der Nähe der Neckarwiese vor einem Hauseingang stehen und den Hosenschlitz öffnen. Doch zu Beginn reichen vielleicht schon ein paar Zeilen von Wilhelm Busch:
Nur zum pinkeln lediglich
taugt der Schnippeldillerich.
In ganz bescheidner Ruh
pinkeln sie sich auf die Schuh.
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Frage am Rande: Was hat eigentlich Wilhelm Busch so gemacht, als er 16 war? Und: Würde er heute mit dem Jugendschutz kollidieren?
Ist schon ein kuriose Geschichte. Dachte, sowas gibt es nur in den USA.