Mein Tag im Coffee-Shop
Jetzt haben wir sie schon in Heidelberg, die digitale Boheme. Wer im Starbucks in der Heidelberger Hauptstraße seinen Latte Macchiato Frappucino con Leche inzwischen ohne Laptop trinkt, wird von den umsitzenden Urbanen Pennern angeguckt, als wäre er ohne Hose aus dem Haus gegangen. Nun, ich war an jenem Tag ohne Hose aus dem Haus gegangen, aber das ist eine andere Geschichte.
Also muss ein Laptop her. Mein „Wie werde ich zum Urbanen Penner“-Ratgeber riet mir unbedingt zu einem Mac, da ich sonst leicht als Trittbrettfahrer aufgefasst werden könnte. Als ich die Preise für die glänzenden Wunderdinger sah, wurde mir klar, warum die Digitale Boheme kein Geld mehr für ein eigenes Zuhause hatte. Meinerseits hatte ich bereits einen Großteil meines Taschengeldes für Lattes ausgegeben und musste daher auf das schreibmaschinengroße Rechenungetüm meiner Frau zurückgreifen. Das im Grunde auch nicht mehr als eine Schreibmaschine war – Wireless LAN sagte dem Ding genauso viel wie es meinem Großvater gesagt hätte, würde er denn noch leben. Tatsächlich lebt mein Großvater noch, und surft auch jeden Tag auf seine BILD-Seite, aber glücklich ist er nicht mehr. „Wireless LAN ist durchaus dem unsteten Zeitgeist einer hochtechnisierten Generation angepasst“, pflegt er immer in seinen Bart zu murmeln, „aber mit einem Laptop kann man halt keine Fliegen erschlagen.“
Ich also mit dem Rechenungetüm in den Coffeeshop, der im Gegensatz zu seinem niederländischen Pendant so sauber ist wie die Windowsoberfläche seiner Benutzer – die Daten lagern ja jetzt alle im Internet. (Wo die da genau lagern, war mir noch nie klar, so richtig unklar wurde es mir allerdings erst, nachdem Opa es mir erklärt hatte.) Als ich gerade das zu schaffende Dokument geöffnet hatte, fiel mir ungeschickterweise eine blonde urbane Pennerin ins Auge, die für eine Pennerin dann doch recht gut angezogen war und ganz offensichtlich Festplattenprobleme hatte. Ich überlegte kurz, ob „Ich kann ihn für Dich hochfahren“ eine gute Gesprächseinleitung wäre, entschied mich dann jedoch dagegen und wandte mich der leeren Seite zu.
Ein leere Seite ist schlimm, eine leere Seite, während um einen herum alle abwechselnd tippen und Spaß haben ist die Hölle. Ich tippte weder, noch hatte ich Spaß, und Geld nur noch für einen einfachen Kaffe, der mich endgültig ins soziale Abseits geschossen hätte. Interessanterweise schien der Kult der Abgerissenen über eine ganze Reihe kostspieliger Statussymbole zu verfügen, die bei einem doppelten Latte Macchiato Frappucino con Leche noch lange nicht zu Ende waren. Bei genauerem Hingucken entdeckte ich, dass mein Nebenmann ebenfalls vor einem leeren Blatt saß, wenngleich es ein leeres Blatt auf einem iBook war. Offensichtlich bestand die unausgesprochenen Übereinkunft, dass zwar jeder weiß, dass man in lauten Cafes nicht tippen kann, aber keiner es wirklich laut sagt. Doch was war dann der Sinn des ganzen Treffens? Wozu die kostspieligen iBooks?
Aus meinen defätistischen Gedanken riss mich die Blonde vom Tisch gegenüber: „Ich krieg ihn nicht mehr hoch. Kannst Du mir helfen?“ „Gerne“, sprach ich da, „wenn Du mich auf einen doppelten Du-weißt-schon-was einlädtst“.
Nächste Woche gehe ich wieder hin.





ja mein guter, fand den artikel sehr unterhaltsam. schoen weiterschreiben bitte!
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