5 Tage EM 2008. Aber ein Ende ist in Sicht!

o, jetzt ist also seit ein paar Tagen EM und es ist natürlich alles viel schlimmer gekommen als ich befürchtet habe. Tatsächlich gibt es kaum einen Ort, an den man sich als fußballscheuer Mensch flüchten kann. Dass die meisten Bars und Kneipen die Spiele in ihrem Inneren zeigen müssen (zumindest in der Innenstadt), ist da nur ein kleiner Trost. Zumindest kann man sich draußen beinahe ungestört bei einem kühlen Bier vergnügen, während die Fans sich in stickigen Kabuffs aufhalten müssen. Recht so!

Tatsächlich aber ist die Belästigung durch Fußballfanatismus permanent. Denn jeder Genuss wird von kollektivem Stöhnen bzw. Gejubel begleitet. Jetzt mal im Ernst: Ist es wirklich nötig, jedes mal ein Feuerwerk zu starten, bloß weil z.B. deutsche Millionäre den unterbezahlten, polnischen Kartoffelbauern einen Ball nach dem anderen ins Tor schießen? Das wäre in etwa so, als würden deutsche Manager für jeden entlassenen Arbeitnehmer eine Flasche Champagner köpfen. Was sie ja laut Volksmund tun!

Interessant allerdings ist: Plötzlich machen Menschen aural auf sich aufmerksam, von denen man sonst das ganze Jahr nichts gehört hatte. Verhuschte Existenzen, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt, nutzen die Europameisterschaft, um ihre Existenz unter Beweis zu stellen. Sie schreien und ächzen, sie stöhnen und jubeln und haben doch keinen Sex. Diese armen Menschen müssen ihre Gefühle und Regungen offenbar zwei Jahre lang unterdrücken, nur um sie zu den Meisterschaften WM bzw. EM feuerwerkartig ejakulieren zu lassen.

Freundlicherweise jubelt man dabei auch den nicht-deutschen Mannschaften zu, zumindest solange diese nicht "mit dabei" sind. Am Ende hat man doch noch Wunschgegner, denen im Finale ordentlich "in den Hintern getreten" werden soll. Dennoch bleibt als Eindruck: Ich habe noch nie so viele beflaggte Fenster und Autos gesehen wie hier in Mannheim. Ich bin etwas betrübt, weiß ich doch: Aus Patriotismus ist noch nie etwas Gutes entstanden!

Und der deutsche Patriotismus ist immer so verkrampft. Es geht immer nur um das Recht, Flagge zeigen zu dürfen, weil "andere das ja auch dürfen". Seit dem Kindergarten weiß man doch, dass man "nicht alles darf, nur weil andere das dürfen." Selbst die infantilen Deutschen, deren Charts von DJ Ötzi und dem Schnuffelhasen angeführt werden, sollten das verinnerlicht haben.

Und so möchte ich schließen mit einem Gesang, der in der Nacht zum vergangenen Montag von einem offenkundig Betrunkenen circa eine Stunde lang krakeelt wurde. Besonders hervorzuheben ist die zwar etwas tumbe, doch unter Auslassung jeglicher phonetischer Wiederholung begangene Verkündung des Wortes "Deutschland":

"Deutsch! Land! Deuheutschland! Deueueueutsch! Land! Deutschlaaaaaaaand! Doiiiiiiiiiiii 'tschland! Deutschland! Deut-schland! Deu 'tsch land! Doioioioioioitsch-land! Deuheutsch-lahahahahahand! 'tschland! Deutschlnd! 'schlnd! nd! Ende!

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Kommentare

4 Antworten zu “5 Tage EM 2008. Aber ein Ende ist in Sicht!”

  1. Brägel schrieb am Donnerstag, dem 26. Juni 2008 um 00:44

    Hallo Holger, ja, auch eine Wahrheit, die du uns vermittelst. Treffend beobachtet. Aber verwechsle bitte nicht Patriotismus mit Nationalismus. Gruß Brägel

  2. Holger E. Karst schrieb am Donnerstag, dem 26. Juni 2008 um 18:48

    Hi Brägel,
    die Studie "Blick in die Mitte" hat erschreckendes zum Thema Nationalismus und Rassismus offenbart... link gibts hier: http://library.fes.de/pdf-files/do/05433.pdf
    Der Begriff Patriotismus war aber eine reine Vorsichtsmaßnahme, da ich andernorts schon fiese Anfeindungen von Seiten "fälschlich" bezeichnender Nationalisten erleben durfte.
    Schönes Klima unter den sog. "weltoffenen" Deutschen...

  3. Brägel schrieb am Freitag, dem 27. Juni 2008 um 16:05

    Hallo Holger, die Kernaussage der Studie ist mir bekannt und erschreckend. Trotzdem darf man nicht grundsätzlich Patriotismus mit Nationalismus gleichsetzen. Es gibt sicher viele, die Patriotismus vortäuschen und in Wahrheit braunes Gedankengut hegen. Aber eben nicht alle. Die Linke tut sich damit leider sehr schwer. Gruß Brägel

  4. Holger E. Karst schrieb am Freitag, dem 27. Juni 2008 um 17:01

    Deswegen wäre es doch sinnvoll, gleich beides zu diskreditieren, oder? Weg mit der Fahne, in den Müllhaufen der geschichte
    Grüße
    Holger

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