Was machen wir nur mit der Kunst?
Neulich in der Kunsthalle habe ich zwei Dinge verstanden: 1. Ich habe Germanistik nur studiert, um später mal mit verschränkten Armen vor einem Pollock zu stehen, und "Seine Intention ist ersichtlich, aber nicht gut umgesetzt" sagen zu können. 2. Kein Mensch steht ernsthaft vor Pollock uns sagt solche Dinge. D.h. kein Mensch außer Marcel Reich-Ranicki, aber der ist entweder Gott oder ein Angeber, oder beides.
Mit Museen wurde ich bereits in früher Kindheit konfrontiert, auf Klassenfahrten zum Beispiel. Die Frühreifen knutschen im Nebenraum rum, die Spätreifen gähnten, und in mir erwuchs die Frage, die mich mein ganzes Leben begleiten sollte: warum zur Hölle tun die uns das an (als Frühreifer hätte ich die Antwort vermutlich auch früher gewusst). Nun war ich aber spätreif, und da nackte Frauen in Kunstbüchern leichter zu kriegen waren als auf peinlichen Klassenfeten, versuchte ich, die Geheimnisse der Kunst zu knacken.
Tatsächlich gab es da den einen Punkt bei der Lektüre von Heideggers "Ursprung des Kunstwerks", an dem mir für einen Moment alles klar war. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir einfiel dass ich mein Migränemittel nicht genommen hatte. Leider dachte ich auch nach Einnahme des Medikaments eine Woche lang, ich sei Marcel Reich-Ranicki, bis ich ihn dann im Literarischen Quartett sah.
Als Meese auf den Plan trat (der auch ohne chemische Hilfsmittel gelegentlich denkt, er sei Reich-Ranicki), hatte ich mich in einem gediegenen Kunstverständnis eingerichtet. Irgendwas mit "holistischer Ausdruck einer repräsentativ nicht mehr darstellbaren Wahrheit" kam darin vor, und ja: auf Philoparties kann man mit diesem Satz auch Frauen abschleppen (Sex mit Hegelianerinnen ist allerdings nichts für schwache Gemüter). Dann kam, wie gesagt Meese, den man auszeichnete, statt ihn direkt nach Wiesloch zu verfrachten. Auf der einen Seite: so sozial gesehen ist das ja ganz nett, dass man dem Mann ein bisschen Selbstbewußtsein verleiht. Aber dann gleich so viel? Vielleicht ist der ja auch gefährlich, weiß das jemand? Ich will nicht wissen, was der macht, wenn man ihm die Pinsel wegnimmt...
Mein Weltbild war wieder einmal in Gefahr, und auch Damien Hirst schaffte es mit seinem diamantbesetzten Totenschädel nicht, mich zu retten. Ging es nur ums Geld? Oder darum, wie hübsch der ganze Kram war? Was ist dann mit Bacons schreiendem Papst? Was ist mit der Wahrheit der Kunst? Völlig verunsichert schneutzte ich mich in die Dürer-Radierung, die unlängst ersteigert hatte, und beschloss, aufs Land zu ziehen.
Vorher ging ich jedoch, wie gesagt, noch ein letztes mal in die Mannheimer Kunsthalle. Diesmal bar jeder Theorie und Illusion - und ich sollte etwas lernen: wenn man Kunst nicht auslachen kann, ist man in einem Museum verloren. Es wird Zeit, dass wir uns von dem Kram nicht mehr einschüchtern lassen! Natürlich ist die Kunst der Theorie immer ein Stück voraus, aber manchmal befürchte ich, die Theorie ist hauptsächlich dazu da, horrende Preise nicht vollkommen lächerlich erscheinen zu lassen. Probiert es einmal aus: ins Museum gehen, mal so richtig ablachen, und plötzlich macht die Sache Spaß. Und zu entdecken gibt es auch noch was: Fließbandproduzent Matthias Weischer ist durchaus, äh, anregend. Zumindest habe ich mich dabei ertappt, wie ich die Arme hinter dem Rücken verschränken wollte, und etwas wie "Seine-", naja, ihr wisst schon.
Jochen Weiland





zur Info / Vertiefung: w.t.f.is Meese> http://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Meese http://images.google.de/images?q=jonathan+meese
Schöner Blog - sehr anregend. Ich habe mir ja vorgenommen, wenn mal Museum-Besuch, dann mit Führung (auch mit Museum-Walkman is ok). Sonst steh ich meist wie ein Frühreifer, aber ohne zu knutschen, vor den Exponaten. Wobei dann das mit dem Kunst-Auslachen peinlich werden könnte.