Wo soll das alles hinführen?
In der Rebirthing-Therapie hat mein Therapeut nach der 50. Sitzung irgendwann festgestellt, dass meine schlechte Laune weiter zurück geht, als wir bisher angenommen hatten. Sie begann, um genau zu sein, zu dem Zeitpunkt, als mir der Arzt zum ersten Mal einen Klaps auf den Hintern verpasste. Vorher hatte ich mich minutenlang der Illusion hingegeben, der ganze Horror mit den vielen weißgekleideten Menschen läge an einem Alptraum meinerseits infolge des Absackers, den meine Mutter und Ernährerin auf der Party mit der schlechten Musik am Abend zuvor getrunken hatte.
So viel wie Lao Tse hatte ich also bereits damals schon begriffen: Der chinesische Weise hatte es ganze sieben Jahre lang im Bauch seiner Mutter ausgehalten. Seine Anhänger sagen, er hätte für seine Geburt einen Tag gewählt, an dem weder ein Mensch geboren wurde, noch einer starb. Ich persönlich denke, seine Anhänger hatten einfach ein paar Absacker zu viel. Oder zu viel Lao Tse. Vielleicht hatte aber einfach Lao Tse ein paar Absacker zu viel – man weiß es nicht.
Nachdem ich begonnen hatte zu rauchen, 2 meiner Psychoanalytiker den Beruf gewechselt und 2 sich das Leben genommen hatten, beschloss ich: Es hilft einfach nichts. Du musst erwachsen werden. „Arbeit hilft“, hatte Dr. Schwarz noch gekichert, bevor er eine Umschulung zum Baumschullehrer begonnen hatte und so kaufte ich mir ein schwarzes Moleskin für die Termine, eins für die Ideen und eins weil es 3 zum Preis von 2 gab, und suchte Arbeit.
Was sich als Germanist so anfühlt, als wolle man mit einem Gipsarm in der Nase bohren: Irgendwie ist man ja willig, anstrengen tut man sich auch, aber das Leben scheint beschlossen zu haben, nur noch Ingenieure in Lohn und Brot zu bringen. Vernunft muss her, also die ganzen intelligenten Bücher, die einen bisher am Leben hielten wegschmeißen. Wer einmal versucht hat, seine Bewerbung auf der These „Es ist eh alles was wir sehen relativ, aber dafür sehe ich noch relativ gut aus – also her mit dem Job“ aufzubauen, weiß was ich meine. Mit Hilfe transzendentaler Meditation schaffte ich es sogar, die üblichen Selbstmordgedanken beim Klingeln des Weckers in positive Gedanken umzuleiten, bis der Kaffee fertig war.
Meine herkulischen Bemühungen wurden belohnt: für 300 Euro im Monat durfte ich in einem Praktikum schnell meinen Beitrag zum Erhalt der deutschen Gesellschaft leisten. Ich schuftete wie ein Berserker, lernte mehr über das Leben als in gefühlten 30 Studienjahren, fand Freunde, verlor welche, und hatte es schon bald geschafft: der erste Tag war überstanden. Eine tiefe Befriedigung durchströmte mich beim abendlichen Bier und wohlig rekapitulierte ich, was ich im Schweiße meines Angesichts vollbracht hatte. Ich war erwachsen.
In der S-Bahn nach Mannheim wurde mir am nächsten Morgen klar, dass das nun die nächsten gefühlten Äonen so weiter gehen würde. Ich beschloss, Lao Tse vielleicht doch noch eine Chance zu geben. Oder einem Absacker. Vielleicht auch beidem.




