Stell Dir vor, es gibt Fitnesstudios, aber keiner geht hin

Die Fitnesslüge

Vor ein paar Jahren beim Frühstück hatte ich wirklich schwere Depressionen. Nicht nur hatte mir die Hörzu gerade mitgeteilt, dass ich mich zu wenig basisch ernähre – als ich das nährstoffarme Schlachtfeld vor mir sah, fiel mir vor Schreck beinahe die Morgenzigarette aus der Hand. Nein, außerdem sei mein Sexualleben nicht rege genug, mein Alkoholkonsum zu hoch und überhaupt, so rechnete ich mit beiliegender Tabelle aus, hätte ich noch genau 8 Tage zu leben (und das nur, weil ich die unzähligen Drogenerfahrungen aus meiner Jugend unter den Tisch hatte fallen lassen – sonst wäre ich seit 1999 bereits tot).

Die 8 Tage könne ich genauso gut im Fitnesstudio zubringen, flüsterte mir eine Stimme ins Ohr, die ich vorher noch nie vernommen hatte (und auch später nie wieder vernehmen solle, Gott habe sie selig). Um es kurz zu machen: das einzig Lustige an meiner Kurzzeitmitgliedschaft war der Moment, als die dralle Blonde dachte, es gäbe nur eine Dusche für Männer und Frauen. Ach ja, ich war da gerade am Duschen, habe ich es erwähnt?

Ich entschied mich gegen den Sport und für die Depression. Genauer gesagt war ich nur so lange depressiv, bis ich einem eigenartigen Phänomen auf die Schliche kam: der Scheinmitgliedschaft. Die Scheinmitgliedschaft beginnt meist damit, dass man euphorisch einem Fitnessclub beitritt. Diese Euphorie hält exakt so lange an, bis der Rest des Lebens aufhört einer absolut sinnlosen Tretmühle zu gleichen. Das ist meist der Moment, in dem man sich neu verliebt, oder endlich beginnt, die rosa Dinger zu schlucken, die einem Dr. Seltsam seit Monaten versucht aufzuschwätzen. Kurz: es gibt wieder sinnvollere Dinge als Bankdrücken und sich von übermotivierten Trainern anschreien zu lassen. Leben, rosa Pillen nehmen, oder gerne auch beides gleichzeitig.

Es halten aber nicht alle den Mund und sind glücklich: die innere Stimme zum Beispiel. Für die gibt es die Scheinmitgliedschaft – man bleibt Mitglied und nimmt sich pro Forma jeden Montag vor, einmal die Woche zu trainieren. Kürzlich bewies eine Studie, dass, sollten alle Scheinmitglieder ihre Mitgliedschaft gleichzeitig kündigen, der Euro massiv einbrechen würde. Und das will ja keiner. Meinem Freund Thomas zum Beispiel ist die deutsche Wirtschaft so wichtig, dass er sich seine Sporttasche sogar ins Büro gestellt hat. Von da aus wären es nämlich nur noch 500 Meter zum Studio – das beruhigt. Natürlich hat auch die Scheinmitgliedschaft ihre Tücken. Den schicksalhaften Moment nämlich, an dem der Betroffene sich ihrer bewusst wird. Er hat dann drei Möglichkeiten: kündigen, trainieren oder Suizid. Das ist dann der Punkt, an dem sich dann auch die Verliebten für die rosa Pillen entscheiden.
Jochen Weiland



Jürgen Wiegand | Dienstag, 19. Februar 2008 10:23 | Keine Kommentare »

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