Und: kann man dabei etwas lernen?
Dass ich Geisteswissenschaften nur für den Job an der Pommesbude studiert habe, wurde mir während des Studiums nicht so richtig klar: Ich war zu sehr mit den Geisteswissenschaften beschäftigt. Germanistik in Heidelberg studieren, zum Beispiel ist so, wie Ferien mit einem guten Buch, bloß, dass es Hunderte von Büchern sind und im Gegensatz zu den Ferien Anwesenheitspflicht besteht. Bei Ferien in den Niederlanden und Italien sehen allerdings die Mädels auch noch besser aus. Vermute ich zumindest, bei vielen konnte man wegen der bachmannpreisverdächtigen Literatenhaarpracht nicht viel vom Rest erkennen.
Was nicht weiter schlimm ist, sind die männlichen Germanisten doch erstens oft selbst nicht soooo gut aussehen (außer den Gutaussehenden, aber die sind meist nicht da [-> Marstall]), und interessieren sich eh mehr für die inneren Werte und damit sind NICHT die in den Körbchen gemeint.
Und das ist ja das Schöne: Hier denkt zwar auch jeder an Ficken, aber wenigstens nicht ständig [-> Sportler]. An Karriere denkt keiner. Eher pflegt man seine sog. Soft skills, also Labern und nebenher lernt man auch noch Denken [vs. Juristen][außer Dir natürlich, Marija] und damit kommen wir (ihr habt drauf gewartet, stimmt´s?) zurück zum Ficken: Hier wird entweder auf sympathische Weise schlecht gebaggert oder mit Stil: nämlich so, dass man selbst nicht so wirklich weiß, ob man gerade baggert oder nicht. Das klingt nach Kafka, macht die Sache aber für beide Seiten sehr viel angenehmer [vgl. Ingenieure, wie heißt es so schön: Karohemd und Samenstau, der studiert Maschinenbau]. Sorry, Jungs, darüber wollte ich eigentlich ja auch gar nicht reden.
Es geht um Jobchancen, Master und Bachelor, Verschulung der Lehre und Verkürzung der Studienzeit. In Mannheim, wo man immer schon etwas weiter ist, will man die Philosophie gleich ganz abschaffen, vermutlich da man nicht weiß, wie man die Module dann nennen soll: „Sinn und Unsinn der menschlichen Existenz. Kompaktseminar [1 Wochenende]“ geht ja schlecht.
Womit ich gleichzeitig geschickt und knallhart auf den eigentlichen Punkt übergeleitet habe: Bier trinken, denken, poppen und ab und zu bei Heidegger rein schauen klingt ziemlich nach verschwendeter Zeit. Was man in dieser Zeit allerdings erkennen kann, so man denn will, ist das Zeit so ziemlich alles andere ist als Geld. Daraus ergeben sich eine Menge weiterer Konsequenzen: Nämlich, z.B., dass, wenn man immer nur nach vorne will, man letztlich weiter hinten liegt als die, die den ganzen Menschheitskram überhaupt angefangen haben [-> poppen]. Zudem ist bei Heidegger rein schauen durchaus anstrengender als die klassische Karriereplanung. Zumindest kommt es einem so vor, wenn einem klar geworden ist, dass man am Ende eines karrierebewussten Lebens dann doch immer eines Morgens aufwacht um festzustellen, dass man tot ist. Das ist dann zwar ein Kompaktseminar in Sinn und Unsinn menschlicher Existenz, aber Scheine gibt’s meines Wissens dafür nicht.
Scheine hätte man als Geisteswissenschaftler nach ein paar Monaten auf dem Arbeitsmarkt allerdings gerne wieder, also die mit den Wasserzeichen. Aber je mehr Praktika man hinter sich gebracht hat, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, dass man nicht wirklich gebraucht wird. Wird man gebraucht, dann meist um die Firma noch schneller nach noch weiter oben zu bringen, neue Zielgruppen zu erschließen („Wir müssen die Leser am USP erreichen, sonst brechen die uns weg“ – der einzige der hier gleich bricht bin ich), oder den Firmensegen wieder gerade zu hängen („Sach ma, du hast doch so`n Laberfach studiert, kannste ma ned die corporate communication auf Vordermann bringen? Ich habs Gefühl emotional sind wir da suboptimal aufgestellt…“). Machen wir für 700 brutto ja auch alles gern, das Problem ist eher: Interessiert sich irgendeine Sau eigentlich noch für das, was wir damals gelernt haben? Und wenn ja, gibt´s da auch Geld für?
Jochen Weiland




