Der 5-Tage-Krieg
Früher war die Welt morgens noch in Ordnung. Zumindest zwischen drittem Kaffee und Arbeitsbeginn. Das ist jetzt anders. Mein Problem sind Kunze und Kati.
Ich kenne Kunze und Kati gar nicht persönlich, ich hab mir nicht einmal ihre Morningshow auf RPR1 angehört, hauptsächlich, weil ich Morningshows für den Untergang des Abendlandes teilweise verantwortlich mache, oder zumindest für den Untergang Mannheims (im Rest des Abendlandes ist der Untergang noch nicht so augenfällig).
Mit Morningshows verhält es sich so: Als Schüler bekommt man sie nicht mit, als Student gehört es zur Ausbildung sie zu verachten (zumindest in den Geisteswissenschaften), als Arbeitsloser verschläft man sie und als Young-Praktikantenprofessional in der OEG schaut man auf die ohral betäubten Rush-Hour-Professionals nebenan mit einer Mischung aus Mitleid, Verachtung und einer undefinierbaren Zutat X herab.
Ich schaue schon lange nicht mehr herab. Hauptsächlich, weil die Morningshow, nun da ich sie mied, zu mir gekommen ist. Es ist wie mit einem Horrorfilm: OEG biegt um die Ecke. Leichte Panik. Wasserturm gerät ins Sichtfeld. Am Horizont (beschränkt durch nervöses Lidflattern) knalliges Rosa – die Fressen des Grauens. Tusch (imaginär, mit einer verzerrten E-Tuba aus der Hölle): Kunze und Kati.
Kunze ist dick und gemütlich, Kati ist leicht verhungert und gemütlich, beide freundlich. Das ist das Grauenvolle: Man sieht außen nicht, was drin steckt. In Umkehrung eines bekannten Diktums könnte man sagen: Laute Wasser sind flach. Kati sieht so aus, als könnte sie ihre Fresse keine 5 Sekunden still halten und sei gerade nur ruhig, weil der dicke Kunze versehentlich auf ihrem Fuß steht, da er im Gegensatz zu Kati eher so der dickfellige (schreibt man das inzwischen „dickfällige“?) Typ ist, bei dem das Niemandsland direkt hinter der Stirn beginnt, während Katis Kopf voll ist, voll mit kleinen Nichtigkeiten, mit denen sie dich krampfhaft gutgelaunt vollblubbert, während Du versuchst, Dich auf die Straße zu konzentrieren und am Ende erwischst Du Dich dabei, wie Du mit dem letzten Cent Deiner Prepaid-Karte bei RPR1 anrufst und Dir irgendetwas von Rihanna wünschst.
Das wollen die doch. Zwei Theorien hatten sich in wochenlangem Nachdenken herauskristallisiert: 1. Radiosprecher sind geisteskrank, im Gegensatz zu Schizophrenen reden sie jedoch nicht mit sich selbst, sondern bevorzugt mit so vielen Mensch auf einmal wie möglich. 2. Radiosprecher sind recht intelligent, werden jedoch von der Regierung dafür bezahlt, so viele Informationen ohne Gehalt unters Volk zu bringen, dass irgendwann keiner mehr irgendetwas checkt, oder zumindest nicht, dass Schröder nur so getan hat, als wäre er Bundeskanzler (hätten Sie´s gewusst?).
Was tatsächlich dahinter steckt, wurde mir erst heute klar: Theorie 1 und 2 stimmen beide, doch darum geht es gar nicht. Es sieht so aus: 1. das Leben ist sinnlos. 2. insgeheim weiß das eigentlich jeder. 3. trotzdem tut jeder so, als würde er Arbeit und Leben sinnvoll finden (i. d. R. sogar vor der eigenen Ehefrau). Und 4.: in dem vollkommen enthemmten Geblubber von KuK findet sich der gesamte europäische Nihilismus (also Alle) zu einem stillschweigenden Fest der absoluten Sinnlosigkeit. Das ist die geheimnisvolle Zutat X, die der Nichtradiohörer die ganze Zeit beim Anblick der motorisierten Schafherde empfand: Neid.
Jochen Weiland




