Warum Madonna mehr Fleisch essen sollte
Der Heidelberger der heutigen Zeit sieht sich vor allem drei drängenden Fragen gegenüber: Wer geht eigentlich in die ganzen Meditations-/Yogakurse die per Fresszettel in der Stadt annonciert werden? Was stimmt mit mir eigentlich nicht, dass mir die komplette Erleuchtungsgeschichte so vollkommen am –äh- ersten Chakra vorbeigeht? Und vor allem:
Wenn jeder da hin geht, warum bietet mir in der OEG trotzdem nie jemand seinen Sitzplatz an?
Nicht, dass der Buddhismus nicht eine wunderbare Sache wäre. Zu den Dingen, die schlechter sind als Buddhismus gehören u.A.: Kapitalismus, Kommunismus, Fanatismus, aber auch so Dinge wie der neueste Song von Rihanna oder der letzte Schrei unter Mannheimer Türken, der Papageien-Vokuhila. Ach ja, der Krieg im Irak natürlich auch, tschuldigung. Alles Mögliche also. Wenn man genau nachdenkt sogar fast alles, wie man an seiner Majestät, dem Dalai Lama sehen kann: souverän, weise, und immer gut gelaunt, außer in den Momenten wo er schlechte Laune hat. Was ihn ja noch viel toller macht: Der ist ja sooo menschlich! Ja, was habt ihr denn erwartet?
Das Problem an der Erleuchtung ist, dass sie jeder sucht, aber man noch nie von jemandem gehört hat, der sie fand. Madonna zum Beispiel: Eine Zeitlang hatte man gedacht, so einen Prachtarsch mit 40, da muss ja was dran sein an der Religion. Neulich konnte man in der InStyle allerdings sehen, was von zu viel Yoga kommt: Magersucht. Bzw. Sportsucht, und Buddhistin ist sie ja inzwischen auch nicht mehr – Erleuchtung ist total letztes Millennium. Kabbala is the new Buddhism. Der Rest der Welt hinkt, wie immer, allerdings noch ein bissel hinterher. Sogar Sabrina Setlur ist inzwischen Yoga-Anhängerin, aufgehört zu singen hat sie leider trotzdem nicht. Wie war das mit Mitgefühl und Nächstenliebe?
Und genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn ich mich bei der buddhistischen Selbstaufgabe so geil fühle, dass ich es dem ersten besten Reporter ins Mikro diktieren muss, abgesehen von Heerscharen afrikanischer Hungerkinder, die in vollgestopften Prominentenvillen wahlweise dem Tod an Langeweile/Entwurzelung oder einer Überdosis Koks entgegensehen, dann stimmt da doch irgendwas nicht. Oder wollt ihr Madonna/Brangelina als Eltern?
Schlimmer allerdings noch: Muss man sich inzwischen eigentlich scheiße fühlen, wenn man nicht unablässig damit beschäftigt ist, sein eigenes Leben zu pimpen? Vielmehr als unser eigenes Leben verwirrt uns doch, dass Madonna, obwohl sie Kabbalah ist, sich in ihrer Show an ein riesiges Dior-Kreuz hängt (die Figur dazu hat sie allerdings inzwischen – s. InStyle). Oder war das etwa eine Spitze gegen die Christen? Wo sind die eigentlich? Und warum sind die so uncool? Wir erinnern uns: Mel Gibson hat erst gesoffen, dann gepredigt, wieder gesoffen, Juden beleidigt, einen Jesusfilm gedreht und ist dann in der Versenkung (nicht der meditativen) verschwunden.
Verschwunden! Gutes Stichwort, und damit kommen wir zum heutigen Wort zum Sonntag: Religion suchen finden wir super, auch wenn es eine Trendreligion ist, vielleicht nach Möglichkeit nicht den radikalen Islam. Aber: Meditiert so viel ihr wollt, bloß hört auf, es ständig in alle Kameras zu blahen. Wir fanden unser Leben eigentlich ganz witzig, bis ihr uns gesagt habt, dass es scheiße ist (gut, außer den Samstagmorgenden vielleicht). Falls wir jemals Buddhisten werden wollen, dann ganz bestimmt nicht mit Eurer Hilfe. Und Madonna: Kabbalah ist out. Nihilismus is the new thing.
Jochen Weiland





na na na, seit wann finden wir denn "Religion suchen" super? Religion ist doch nichts weiter als ein Krückstock für schlichte Gemüter, der (noch) Unerklärliches mit etwas Übernatürlichem zu erklären versucht. Religionen (und auch Therapeuten s.u.) behinder(te)n die Entwicklung und Emanzipation der Menschen.
Der Hang zu spirituellen Erfahrungen lenkt vom eigentlich Wesentlichen ab: Zu erkennen, warum(!) man spirituellen Halt überhaupt braucht, und dass es sinnvoll(er) wäre, die zum Ungleichgewicht führenden Missstände anzugehen statt sich mit ihnen zu arrangieren. Das "Agreement" mit den Zuständen wird jedoch allerorts beschworen... Da sind wir dann wieder bei Religion und Therapie...