Dein Geld tut’s zur Not aber auch
Ich fühle mich verfolgt. Von Olli Dittrich. Was ja eigentlich ein Fortschritt ist: früher habe ich mich von Verona Feldbusch verfolgt gefühlt, und das ging wirklich unter die Haut. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihre romantischen Träume kurz vor Weckerklingeln wochenlang damit enden, dass sich die Angebetete in Verona verwandelt und auf die Frage „Was denkst Du gerade?“ „11880“ kreischt.
Es ist ja nicht so, dass ich nicht sowieso schon total desillusioniert wäre. Das bin ich seit exakt zwei Wochen. Da nämlich habe ich nicht nur erfahren, dass Boris Becker ein Buch raus gebracht hat (ich wusste gar nicht, dass er schreiben kann), sondern dass dieses Buch den unheilschwangeren Titel trägt: „Was Kinder stark macht“. Ich erwähne das deswegen, weil die AOL-Kampagne mit Becker es NICHT schaffte, mir den Lebensmut zu nehmen. „Ich bin drin“ – das war noch irgendwie logisch: drin in der Besenkammer, drin in der Ermakowa, drin im Unterhaltsprozess. Auch die ersten Fotos des Endprodukts der deutsch-russischen Kooperation ließen mich weiter an das Fortbestehen der Menschheit glauben, wenngleich ich für die Zukunft den Gebrauch von Präservativen empfehle. Ich habe nämlich ausgerechnet, dass wenn nur bei zwei Dritteln der Kurzzeitaffären des debilen Dressman einer der kleinen Borisse es sozusagen ins Finale schafft, das deutsche Nachwuchsproblem passe sei. Die diplomatischen Beziehungen zu sämtlichen Ländern außer Russland allerdings auch. Eine neue Sowietunion mit Deutschland als Satellit und Bobbele als Außenminister? Nein danke.
Aber ich schweife ab. Seit ich weiß, dass sich Boris der Familienkrise nicht nur aktiv, sondern auch verbal angenommen hat, bin ich nicht nur Nihilist, sondern auch für den Untergang des deutschen Volkes. Bis es so weit ist, bekomme ich allerdings jeden Tag noch einen kleinen Tritt in den Unterleib. Wir reden über Werbung, genauer gesagt, über die omnipräsenten Mannheimer City-Lights mit Olli Dittrich für Media Markt. Ich wusste ja, dass etwas im Busch ist, als Saturn die „Ihre werdet lieben. Ihr werdet hassen“-Teaserkampagne fuhr. Was soll ich sagen – sie hatten recht. Also, mit dem zweiten Teil. Was mich allerdings wirklich fertig macht, ist dass einer der begabtesten deutschen Comedians, Dittrich, sein Gesicht einer Kette leiht, die sich dermaßen aktiv der Volksverdummung verschrieben hat, dass Bohlen wie ein neuer Immanuel Kant dagegen wirkt (das ist der mit „Wage zu denken“). Und der sog. Elektronikriese wird dann auch noch zynisch: „mit der neuen Kampagne wollen wir die Tradition unterhaltsamer Werbung fortführen, für die Media Markt bekannt ist“. Wie, unterhaltsam? Leute wie ihr denkt doch auch, das Dritte Reich sei der misslungene europäische Versuch von Disneyland, oder?
Tatsächlich lässt sich die Krise der deutschen Werbung auf drei Möglichkeiten reduzieren: 1. Die Werber sind alle unglaublich doof. 2. Die Deutschen sind alle unglaublich doof. 3. Die Werber denken, die Deutschen seien alle unglaublich doof, tatsächlich sind es aber weder die Werber, noch die Deutschen, sondern nur die Inhaber der Media Markt-Kette. Zur Rettung meines Seelenheils, und weil ich sowohl Werber als auch Deutsche zu meinen Freunden zähle, glaube ich an 3. Für mich stellt sich die Sache so dar: Media Markt ist aus einem Grund, der in prähistorischen Zeiten verschüttet liegt, einfach „saubillig“ und außerdem „noch viel mehr“ (z.B. rücksichtslos im Geschäftsgebaren, moralisch und intellektuell unterbelichtet etc.). Die Deutschen finden „Geiz“ „geil“, und kaufen deshalb alle bei Media Markt, woraufhin die noch billiger und noch doofer in ihrem Marketing werden. Der Rest der Branche, die wie immer „darniederliegt“, verwechselt Ursache und Wirkung, und bewirbt das Land der Dichter und Denker ebenfalls auf Kniehöhe. Die Deutschen, die inzwischen gewöhnt sind, dass „saublöd“ gleichbedeutend mit „saubillig“ ist, fährt voll auf die unterirdische Kommunikation ab, und gibt beim Sparen mehr Geld aus, als ein Bus Japaner bei Käthe Wohlfahrt. Alle haben die Schränke voll mit Elektroschrott, den sie nie brauchen werden, und Deutschland hat sich seinen Platz als humorloseste Nation wieder einmal hart erkämpft.
Und da eh nix mehr zu retten ist, mein Tipp für die Branche: lasst Boris, Dittrich und Feldbusch doch einfach mal Urlaub machen, gerne auch für immer, und macht’s wie die Vollprofis in der Mannheimer Innenstadt. Schmucklose rote Lettern auf gelbem Hintergrund; die Message zielt genau zwischen die Augen: „Alles 1 Euro.“
Gern geschehen, Euer
Jochen Weiland




