…der Heidelberger Hip Hop?
Denk ich an Hip Hop in der Nacht… hat wahrscheinlich wieder der Berufsjugendliche von ein Stockwerk drunter die Anlage angemacht. Was ja nicht weiter schlimm wäre – ich wohne sozusagen im Ghetto der Heidelberger Innenstadt (Ringstraße), da muss man schon mal mit einer spontanen Bloc-Party nachts um halb vier rechnen. Die Umstände sind perfekt: der Block könnte so auch in Harlem stehen, die Studis von gegenüber sind für so was auch immer zu haben, und das stilechte Gemotze liefert das Rentnerpärchen von nebenan. Fürs Flair sorgt außerdem das Arbeitsamt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und im Gegensatz zum Rest Heidelbergs (Boxberg ausgenommen) haben wir sogar eine Kriminalitätsstatistik. Zumindest haben sie meiner Frau letzte Woche den Klingelknopf abgebrochen, kann aber sein dass das Fahrrad auch einfach umkippte. Wahrscheinlich jedoch, weil irgendein Hustler im Crystal-Meth-Rausch draufgefallen ist.
Meine Phantasien einer wickeden und cannabisgeschwängerten B-Boy-Convention fallen jedoch mit schöner Regelmäßigkeit in sich zusammen, wenn ich erkenne, was da wirklich gespielt wird: mit etwas Glück sind Bushido und Konsorten bereits abgefeiert und man ist bei „P Diddy“ oder Jay-Z-feat.-Beyoncé-weil-der-ihre-letzte-Platte-ja-net-so-lief angekommen. Auf jeden Fall bleibt die Auswahl auf „Ey Alter, ich mach Dich platt weil ich aus dem Ghetto komm“ und „Ey Alter, ich mach Dich platt weil Du meiner Bitch auf den Booty geschaut hast (und weil ich aus dem Ghetto komm)“ beschränkt. Ich wollte Deiner Bitch nicht auf den Booty schauen, „Alter“, aber irgendwie bleibt mir bei eurer medialen Omnipräsenz keine andere Wahl! Nix gegen Gewalt, mit der haben Public Enemy auch ihre Platten verkauft, aber die haben damit nicht Gewalt gegen meine Intelligenz/mein musikalisches Empfinden gemeint. Und a propos B-Boy: hat Usher Angst, sich weh zu tun, oder geht es ihm bei seinen Michael-Jackson-Revival-Performances eher darum, die Gucci-Jeans nicht dreckig zu machen? Ich glaube: weder noch. Zu dem öligen Soulgeheule passt Breakdance einfach nicht.
Bevor ich mich dann Verschwörungstheorien betreffs Timbaland und musikalischer Unterwanderung des Abendlandes hingebe (hat Al Queida etwas damit zu tun? Angeblich soll gute Musik im Islam ja verboten sein…), konzentriere ich mich lieber auf die Zeit, als deutsche Rapper noch Deutsch konnten. Oder wenn nicht (Toni L), wenigstens rappen. Beim Versuch, mir Breaker in der Heidelberger Altstadt vorzustellen, fällt mir dann regelmäßig ein, dass ich damals noch Klaus & Klaus hörte, und Synthie für mich die Freundin von Bert war. Wie dem auch sei, ich war jung und habe wenigstens nicht die ganze Nachbarschaft mit meinen Kassetten beschallt.
Wenn ich soweit bin, dämmert es meist, und mit dem Morgen kommt die Erleuchtung: die heutige Hip Hop-Jüngerschaft versteht Stieber Twins und Co einfach nicht mehr! So habe ich z.B. ausgerechnet, dass zum kompletten Verständnis des Bushido’schen Oeuvres der Konsum von drei „Bravo“-Heftchen, einem halben „St. Pauli Report“, zweier Hardcore-Pornos und einer Bildzeitung genügt. Ein durchschnittlich gebildeter Deutscher braucht dazu heutzutage laut Pisa-Studie exakt 17 Jahre; das ist dann auch das Alter, in dem die meisten kein Hip Hop mehr hören. Für die englischen Texte reichen: „bitch“ (auch „biatch“), „dick“, „motherfucker“, „butt“, „boobies“ und „love“ (auch „luv“). Das Extension-Paket beinhaltet dann noch so Sachen wie „soulmate“ (heißt: Du f***** nicht nur gut, Du kannst sogar kochen), oder „brotha“ (du verdienst auch mit Scheiße Geld, wir sollten zusammenhalten).
Das ist dann meist der Zeitpunkt, an dem ich unisono mit den Alten von nebenan „Macht ihr mol die Musik leiser, sonscht hole ma die Bolizei“ aus dem Fenster schreie.





nice story, reminds me when i lived in heidelberg!
keep up the writing